Inga Rumpf wird 80: Rockikone feiert mit ausverkauftem Elphi-Konzert
Inga Rumpf wird 80: Ausverkauftes Elphi-Konzert

„Ich bedaure überhaupt nichts“, sagt Inga Rumpf leise und schaut aus dem Fenster. Draußen fließt die Elbe, vorbei an Container-Ladekranen – jener Fluss, der ihr Leben so stark geprägt hat. Die Sängerin, die heute 80 Jahre alt wird, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen, und obwohl sie längst in der Wesermarsch in Niedersachsen lebt, ist sie im Herzen eine Norddeutsche geblieben.

Zum runden Geburtstag schenkt sie sich und ihren Fans etwas Besonderes: ein großes Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie am 13. September. Es ist längst ausverkauft. „Ich freue mich riesig über den Zuspruch“, sagt Rumpf im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Ihre Fans halten ihr zum Teil seit Jahrzehnten die Treue, viele kämen inzwischen sogar mit Kindern und Enkeln. Unter dem Motto „Inga 80 – Inga Rumpf & Friends + Very Special Guests“ soll es in der Elphi hoch hergehen, geplant ist ein Live-Mitschnitt. Wer die Friends und Guests sind, bleibt aber noch geheim.

„Das Konzert wird ein Zeitdokument“, betont die Musikerin, die zum Interview in Matrosenpulli, Lederjacke und Stiefeln erschienen ist. Das maritime Outfit ist kein Zufall: „Hamburg hat mich geprägt“, verrät sie mit ihrer markant rauen Stimme. Als Seemannstochter wuchs sie nahe dem Hauptbahnhof auf, lief als Kind oft zum Hafen, badete am Strand und lauschte dem Hämmern und Stampfen der damals noch zahlreichen Werften. Ihre Sehnsucht war die See: „Als junges Mädchen konnte ich das Morse-Alphabet und kannte alle Flaggen-Signale“, erinnert sie sich schmunzelnd. Sie wollte sogar als Funkerin anheuern, „aber es ist dann anders gekommen – und das ist auch gut so.“

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Vom Stottern zur kraftvollen Stimme

Ihre Kindheit in der Nachkriegszeit war von Bescheidenheit und einem strengen Vater geprägt. Als schüchternes und stotterndes Mädchen fand sie im Singen einen Raum der Freiheit. „Wenn ich gesungen habe, wusste ich, das ist mein Raum, da kann mir keiner was anhaben“, erzählt sie. „Ich dachte, mit Musik kann ich viel erreichen – die Welt sehen, Menschen kennenlernen und meinen Lebensunterhalt verdienen.“ Dieser Traum erfüllte sich: Aus dem schüchternen Teenager wurde eine der markantesten Stimmen des deutschen Rock.

Ihre ersten Auftritte hatte die gebürtige Ingeborg in einer Teestube auf St. Pauli. 1965 begann sie mit der Folk-Rock-Gruppe City Preachers, zu der zeitweise Udo Lindenberg am Schlagzeug gehörte. „Das war eigentlich Weltmusik. Viel Folklore, ich habe Blues und Gospel dazu beigetragen. Andere brachten jiddische Volkslieder, spanischen Flamenco, Skiffle-Musik ein“, erinnert sie sich. Die Band war Teil der US-amerikanischen Folk-Bewegung um Bob Dylan und Joan Baez. „Fans waren junge Leute, die mit der etablierten Welt nicht mehr zufrieden waren. Es war so ein Übergang – vom Kleinkarierten zum Weltoffenen“, sagt Rumpf. Die Preachers demonstrierten gegen den Vietnam-Krieg und veröffentlichten die Platte „Warum – Lieder gegen den Krieg“.

Auf Drängen ihrer Mutter hatte die Sängerin damals bereits eine Ausbildung als Schaufensterdekorateurin abgeschlossen und einen Kaufmannsgehilfen-Brief in der Tasche. Politisch habe sie sich nicht an vorderster Front bewegt, sagt sie rückblickend.

Mit Frumpy und Atlantis in die Rockgeschichte

Um 1970 wurde ihr Sound härter, ihre Stimme lauter. Zusammen mit dem Keyboarder Jean-Jacques Kravetz, der am Pariser Konservatorium studiert hatte, gründete sie die Band Frumpy. „Wir machten im weitesten Sinne progressive Rockmusik, es kamen wieder verschiedene Stilrichtungen zusammen“, erklärt sie. Vorbilder waren Jimi Hendrix, Procol Harum und die Rolling Stones – mit deren Mitgliedern Ron Wood und Keith Richards sie später auch auf der Bühne stehen sollte. Anfangs traten Frumpy in Dorfkneipen auf, bald zogen sie die Massen auf Festivals der Hippie-Ära an.

In der Szene war Inga Rumpf mit ihren langen Haaren und der selbst geschneiderten androgynen Bühnenkleidung eine Erscheinung. Sie gehörte zu den ersten Frauen in der von Männern dominierten Rockbranche. Drogenkonsum lehnte sie ab: „Ich trinke höchstens gern mal ein Bier, habe nie viel geraucht, seit fünf Jahren überhaupt nicht mehr.“ Frumpy wurde zur Kultband, erhielt einen Plattenvertrag und feierte mit Stücken wie „How The Gypsy Was Born“, „Friends“, „Indian Ropeman“ und „Get On Board“ Erfolge, die sie bis heute spielt.

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Aus Frumpy ging 1972 Atlantis hervor, wieder mit Udo Lindenberg an Bord. Mit Atlantis gelang Rumpf auch in den USA der Durchbruch. „Ihre Stimme ist wirklich einzigartig und unverwechselbar“, bescheinigte ihr Kollege Achim Reichel in einer WDR-Doku von 2021. Doch schon 1976 löste sich die Band auf – für Rumpf begann eine Zeit der Neuorientierung.

Neuanfänge, Lehre und geistliche Musik

Sie tourte mit ihrer Band Reality, gab Dozenten-Kurse an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und wandte sich der Gospelmusik zu. In evangelischen und katholischen Kirchen begeisterte sie das Publikum mit eigenen Songs, in denen sie eine „Religiosität im weitesten Sinne“ formulierte. Das Album „Walking In The Light“ dokumentiert diese Phase.

Heute lebt die Musikerin, die zweimal verheiratet war, zurückgezogen in ihrem Haus in der Wesermarsch. Dort arbeitet sie im Garten, lernt Spanisch und wählt ihre Auftritte sorgfältig aus. „Ich war ja sehr oft in Amerika und es war auch an vielen Ecken schön, aber es hat mich immer wieder nach Hamburg zurückgezogen“, sinniert sie. Im Alter sieht sie einen Gewinn: endlich genug Gelassenheit und Muße, um sich wirklich um ihre Freunde zu kümmern. „Alles hat eben seine Zeit.“

Wenn Inga Rumpf am 13. September in der Elbphilharmonie die Bühne betritt, wird sie Musik aus mehr als fünf Jahrzehnten präsentieren. Ausverkauft, mit Live-Mitschnitt – ein würdiger Rahmen für eine Frau, die den deutschen Rock geprägt hat und sich selbst treu geblieben ist. „Ich bedaure überhaupt nichts“, sagt sie. Das ist ihre Antwort auf ein erfülltes Leben.