Japan und Südkorea legen billionenschwere Förderprogramme auf, um sich von den KI-Marktführern USA und China unabhängiger zu machen. Gleichzeitig wollen sie sich als unverzichtbare Partner der US-KI-Industrie positionieren und bevorzugte KI-Partner für andere asiatische Nationen werden. Das Stichwort lautet „souveräne KI“.
Südkoreas Präsident Lee verkündet „San-Francisco-KI-Deklaration“
Südkoreas Präsident Lee Jae-myung machte am Wochenende in den USA klar: „Südkorea will einen Sprung nach vorn machen, um eine unersetzliche Schlüsselnation in der KI-Lieferkette zu werden“, sagte er in einer Rede, die das Präsidialamt „San-Francisco-KI-Deklaration“ taufte. Bereits Ende Juni hatte er gemeinsam mit der südkoreanischen Wirtschaft ein ambitioniertes Programm vorgestellt: umgerechnet rund 2,4 Billionen Euro beziehungsweise 4,3 Billiarden Won für neue Chipwerke, Roboter und KI-Rechenzentren bis etwa 2035.
Die südkoreanischen Speicherchiphersteller SK Hynix und Samsung Electronics dominieren den Weltmarkt für KI-Speicherchips. In Lees Plan sollen sie künftig das Fundament bilden, um Südkorea zur drittwichtigsten KI-Nation der Welt zu machen. Darüber hinaus verspricht die Regierung, bis 2029 KI-Rechenzentren mit einer Kapazität von 8,4 Gigawatt zu bauen, um zum KI-Knotenpunkt für Asien zu werden.
Milliardendeals mit US-Konzernen
Bei dem Treffen in San Francisco vereinbarten südkoreanische und amerikanische Konzerne weitere KI-Deals im Volumen von 950 Milliarden Dollar. Darunter fällt eine Vereinbarung der SK-Gruppe – allen voran des Speicherchipherstellers SK Hynix – über 750 Milliarden Dollar, mit der sich US-Chiphersteller wie Nvidia langfristig Speicherchips sichern.
Japans Rückkehr an die Weltspitze der Chipindustrie
Japan verfolgt ähnliche Ziele mit weniger großen Worten, aber ebenfalls hohen Investitionen. Ende Juni stellte Japans Regierungschefin Sanae Takaichi ihren Plan vor, bis 2040 rund 370 Billionen Yen – umgerechnet knapp zwei Billionen Euro – aus staatlichen und privaten Mitteln in 17 strategische Industriebereiche zu investieren. Dabei spielen der Wiedereinstieg in die technologische Weltspitze der Chipindustrie und der Ausbau eigener KI-Fähigkeiten die wichtigste Rolle.
Japan war in den 1980er- und 1990er-Jahren der weltgrößte Chipproduzent, hat aber inzwischen nur noch einen Weltmarktanteil von rund zehn Prozent – und ist bei Spitzenchips nicht mehr vertreten. Die Regierung will nun 78,5 Billionen Yen, umgerechnet rund 460 Milliarden Euro, in die Chipindustrie leiten, um das zu ändern. Neben der Ansiedlung von TSMC unterstützt die Regierung das Start-up Rapidus, einen neuen Auftragsfertiger von Halbleitern. Ab kommendem Jahr will das Unternehmen Chips fertigen, die technologisch nahezu mit denen von TSMC und Samsung mithalten sollen.
KI-Rechenzentren als neuer Knotenpunkt
Darüber hinaus sind für den Bau von KI-Rechenzentren umgerechnet 175 Milliarden Euro vorgesehen – ein Zeichen, dass Japan seine Stellung als bisheriger Knotenpunkt im Datenverkehr zwischen den USA und Asien verteidigen will. Der Großraum Tokio ist bislang der zentrale Ort, an dem die unterseeischen Datenkabel von der US-Westküste über den Pazifik anlanden. Von Japan werden die Datenströme dann weiter verteilt. Zudem verfügt Japan mit NTT Global Data Centers über den weltweit drittgrößten Rechenzentrenbetreiber.
Der Wettlauf um eigene KI-Grundlagenmodelle
Genauso ernst nehmen beide Länder allerdings auch den Kern der KI: die Grundlagenmodelle. Südkoreas Wissenschaftsminister Bae Kyung-hoon verglich sie kürzlich mit einer Atomwaffe: „Ich glaube, dass der Trend, dass bestimmte Länder die Kontrolle über KI-Modelle dieses Kalibers anstreben, nur noch stärker werden wird, da KI-Modelle auf Spitzenniveau immer mehr einer Atomwaffe ähneln.“ Darum will er die Entwicklung eigener Grundlagenmodelle in Südkorea forcieren, „um eine KI-Wettbewerbsfähigkeit von Weltklasse zu erreichen“.
Marc Einstein, Analyst beim Marktforscher Counterpoint in Japan, sieht Südkorea bereits in einer Vorreiterrolle. „Vergleicht man Japan mit Südkorea, so ist Südkorea in Bezug auf eigenständige KI um Jahre voraus“, erklärt er. Schon jetzt liefen Anwendungen auf lokalen Modellen. Im Juli begann etwa der „KI-Rechtssekretär“ seine Arbeit: Öffentliche Bedienstete können mit ihm die rechtlichen Belange bei Sachverhalten wie der Projektplanung überprüfen. Korea Aerospace Industries und Naver kündigten ebenfalls im Juli an, gemeinsam ein für den Verteidigungssektor zugeschnittenes KI-Modell zu entwickeln.
Japans Aufholjagd mit Industrie als treibender Kraft
Japan hängt zwar zurück, hat aber nach Einschätzung des Experten Einstein gute Voraussetzungen für eine Aufholjagd. Japan verfüge bereits über einige grundlegende Sprachmodelle, großteils entwickelt von Technikkonzernen wie Fujitsu oder NTT. „Doch es gab bislang keine starken Bestrebungen, deren Einsatz in der Regierung verbindlich vorzuschreiben“, so Einstein.
Das ändert sich gerade, allerdings mit der Industrie als treibender Kraft. Das von zwei Ausländern mitgegründete Start-up Sakana AI hat bereits zwei eigene japanische Modelle am Markt. „Namazu“ decke etwa 90 Prozent der Anwendungsfälle ab, sagt Gründer David Ha. „Doch für souveräne KI-Zwecke benötigt Japan auch Zugang zu den oberen zehn Prozent, den Fähigkeiten sogenannter Frontier-Modelle.“ Ha erklärt die Idee: „Wenn man von nur einem ausländischen Anbieter abhängig ist, ist man verwundbar. Wenn man jedoch viele Modelle miteinander orchestriert – einige offene und in Japan gehostete, andere proprietär –, verteilt sich das Risiko.“
Großkonzerne treiben Japans KI-Souveränität voran
Nun werden auch die Großkonzerne aktiv. Softbank, einer der größten Anteilseigner am KI-Anbieter OpenAI, treibt die Entwicklung an. Zuerst etablierte Softbank mit OpenAI in Japan ein Joint Venture. Im Juli dieses Jahres folgte die Gründung von Noetra, das ein japanisches KI-Grundlagenmodell entwickeln will. Es soll als Basis für KI-fähige Roboter und physische KI dienen. Neben den Kernpartnern – Softbank Corp., Sony, Honda und NEC – haben sich weitere rund 40 Unternehmen beteiligt. Noetra will in Zusammenarbeit mit Nvidia ab 2027 große KI-Rechenzentren bauen, wo das heimische Modell mit 27.500 Rubin-KI-Grafikprozessoren von Nvidia trainiert werden soll. Verläuft alles nach Plan, will Noetra bis 2030 eine „realweltliche, KI-native“ Technologie auf den Markt bringen.
Der Kampf um Einfluss in Südostasien
Gleichzeitig versuchen die beiden ostasiatischen Nationen, für südostasiatische Länder eine Alternative zu amerikanischen und chinesischen KI-Angeboten aufzubauen. Südkorea setzt bei seiner Initiative mit der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean auf den Export einer schlüsselfertigen Lösung aus Rechenkapazitäten und Modell. Hauptakteur ist Naver, gemeinsam mit Nvidia.
In Japan wird die KI-Allianz eher von der Regierung vorangetrieben. 2025 gründete das Land die „Japan-Asean-Initiative für KI-Ko-Kreation“. Regierungschefin Sanae Takaichi stellte im Februar klar, dass Japans Ziel über Südostasien hinausreicht: Es gehe um die Erschaffung einer „sicheren und vertrauenswürdigen KI“, die tief in den lokalen Kulturen verankert sei. „Vor diesem Hintergrund baut Japan gemeinsam mit den Ländern des globalen Südens – darunter Indien, die Asean-Staaten, Afrika und Zentralasien – KI-Ökosysteme auf.“
Damit wird klar: Auch wenn die USA und China die KI-Welt derzeit zu dominieren scheinen, gibt es Chancen auf eine Gegenmacht. Südkorea und Japan zeigen, wie solche Gegenpole aufgebaut werden können, mit viel technologischer Eigeninitiative, Kapital und dem Willen zum Bündeln der nationalen Kräfte und zum globalen Teilen.



