Mehrere der reichsten Menschen Russlands haben im vergangenen Jahr Milliarden von Dollar aus Angst vor staatlichen Zugriffen ins Ausland transferiert. Das berichtet die US-Nachrichtenagentur Bloomberg in einer aktuellen Recherche. Unter den Oligarchen seien auch einige, die Präsident Wladimir Putin nahestünden. Sie seien zunehmend besorgt über die Wirtschaftslage des Landes und den Staatshaushalt vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges gegen die Ukraine.
250 Milliarden Dollar Abfluss im ersten Kriegsjahr
Nach Angaben der russischen Zentralbank sind Bloomberg zufolge im ersten Jahr des Krieges gegen die Ukraine nach einer groben Schätzung rund 250 Milliarden US-Dollar aus dem Land abgeflossen. Das genaue Ausmaß informeller Kapitalabflüsse ist nach Angaben von Bloomberg schwer zu beziffern, weil unter anderem undurchsichtige Kryptotransaktionen in offiziellen Daten nicht erfasst sind. Schätzungen von Insidern zufolge könnten sich die Kapitalabflüsse aus Russland in diesem Jahr auf „mehrere zehn Milliarden Dollar“ belaufen.
Vermögensverlagerung in Kryptowährungen und Golfregion
Bloomberg berichtet auf Grundlage von Interviews mit mehreren wohlhabenden Russen sowie mit der Agentur geteilten vertraulichen Dokumenten, dass hochkarätige Vermögensbeschlagnahmungen in den vergangenen zwei Jahren die Befürchtungen unter den Mitgliedern der russischen Elite verstärkt hätten, „dass der Staat ihr Vermögen konfiszieren könnte oder sie ihr Vermögen verlieren könnten“. „Im vergangenen Jahr hat sich bei den Portfolios einiger der vermögendsten Russen eine Verlagerung zugunsten von Kryptowährungen, Gold, Immobilien im Ausland und privaten Investmentfonds vollzogen, die sich in den letzten Monaten beschleunigt hat“, heißt es in dem Bericht. Dabei sei insbesondere in der Golfregion viel Geld aus Russland investiert worden. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind bei russischen Großinvestoren besonders beliebt.
Putin sucht nach neuen Einnahmequellen
Präsident Putin sucht dem Bericht zufolge zunehmend nach Möglichkeiten, die Staatseinnahmen zu steigern, weil die Ausgaben für den Krieg in der Ukraine nach russischer Einschätzung „ein untragbares Ausmaß“ annehmen: „Während ein Großteil des Landes mit Entbehrungen zu kämpfen hat, ist das Vermögen der russischen Milliardäre im vergangenen Jahr gestiegen, was den Druck auf sie erhöht, einen größeren Teil der Last zu tragen.“ Besonders besorgt zeigten sich einige Unternehmer nach Recherchen von Bloomberg nach einem Treffen hinter verschlossenen Türen mit Putin im März: „Bei diesem Treffen schlug der Milliardär Suleiman Kerimow vor, dass die Anwesenden einen erheblichen Beitrag an den Staat leisten sollten, um damit zu würdigen, wie ihre Unternehmen in den 1990er Jahren aufgebaut wurden – eine Initiative, die Putin begrüßte.“
Neue Wege der Kapitalflucht
Ein Geschäftsmann sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur, dass er aus Sorge über den staatlichen Druck auf Großunternehmer Geld in Länder wie Zypern und die Vereinigten Arabischen Emirate transferiere. Zwei weitere gaben an, in ähnlichem Umfang wie in den vergangenen Jahren in die Emirate, die Türkei oder Saudi-Arabien zu investieren. Ein vierter von Bloomberg befragter Unternehmer erklärte, er habe begonnen, in Afrika zu investieren. Die Methoden zur Vermögensverlagerung ins Ausland haben sich weiterentwickelt, da Russen nach neuen Wegen suchen, um sowohl westlichen Sanktionen als auch der Aufmerksamkeit des Kremls zu entgehen, wie Bloomberg schreibt: „Dubais Status als Krypto-Zentrum hat der Elite dabei geholfen, Geld über Landesgrenzen hinweg zu transferieren.“ Weitere informelle Wege, die sich zunehmend als beliebt erweisen, hätten sich in Armenien, Kasachstan und Kirgisistan eröffnet.



