Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet für Samstag Höchstwerte zwischen 35 und 41 Grad, das europäische Wettermodell ECMWF ging in einer Berechnung von Donnerstagmorgen für Berlin und Brandenburg sogar von bis zu 43 Grad aus. Damit könnte der Allzeit-Temperaturrekord für Deutschland gebrochen werden, der bei 41,2 Grad liegt, gemessen am 25. Juli 2019. „Das ist sehr außergewöhnlich“, sagt DWD-Klimatologin Sabrina Wehring. Solche Temperaturen sind hierzulande sonst erst im Hochsommer zu den sogenannten Hundstagen von Mitte Juli bis Mitte August zu erwarten.
Ursachen der extremen Hitze
In 1.500 Metern Höhe zieht eine Luftmasse mit 23 bis 26 Grad auf Deutschland zu – normal wären zu dieser Jahreszeit 10 bis 15 Grad in dieser Höhe. Grund für das Extrem ist eine sogenannte Omega-Wetterlage – ein Hochdruckgebiet, das von zwei Tiefs blockiert wird, wodurch es nur sehr langsam abziehen kann. Der Hochdruck wirkt wie ein Deckel, unter dem sich die Luft immer weiter erwärmt. Wolken bilden sich kaum, der Himmel bleibt klar. So trifft die Sonnenstrahlung ungehindert auf den Boden – und weil die Lage in die Tage um die Sommersonnenwende fällt, ist der Energieeintrag so hoch wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Verstärkt wird die Erwärmung durch trockene Böden, die die Hitze potenzieren. „Es sind mehrere Faktoren, die aktuell zusammenkommen“, sagt Wehring.
Historische Dimension und Dauer
Falls es tatsächlich zu den prognostizierten Extremtemperaturen kommt, hätten wir es mit einer historischen Hitzewelle zu tun – historisch nicht nur wegen der Extremtemperaturen, sondern wegen ihrer Dauer. Der bisherige Hitzerekord in einem Juni liegt in Deutschland bei 39,6 Grad, gemessen am 30. Juni 2019 in Bernburg Saale. In Frankreich wurde in den vergangenen Tagen ein Juni-Rekordwert von 44,3 Grad gemessen – Werte von Messreihen mit teils über 100-jähriger Geschichte wurden übertroffen.
Doch die extreme Hitze wird nicht den ganzen Sommer anhalten: „Dass wir acht Wochen durchweg Hitze bekommen, kann ich definitiv ausschließen“, sagt Wehring. „Es bleibt nicht dauerhaft bis September heiß.“ Das gegenwärtige Hitzehoch werde sich unter Abschwächung in den Osten Europas verlagern. Ab Sonntag führt von Westen langsam eine Tiefdrucklage etwas kühlere Luftmassen heran, laut DWD auch mit unwetterartigen Gewittern. „Aber es wird nicht wirklich kalt.“ Zumindest sollen die Temperaturen über 22 Grad bleiben.
Rolle des Klimawandels
Wie viel von der Hitze auf das Konto des Klimawandels geht, wird derzeit erforscht. Einzelne Ereignisse wie die aktuelle Hitzewelle können nur durch sogenannte Attributionsstudien klarer dem Klimawandel zugeordnet werden. Die Hitze könnte von den aufgeheizten Weltmeeren mit befeuert werden. Nach den Jahren 2023/24 mit extrem hohen Rekordwerten liegt die globale Meerestemperatur gegenwärtig erneut auf sehr hohem Niveau: „Das kann zu anderen Zirkulationsmustern über Europa führen, gerade auch wenn die Böden sehr trocken sind“, sagt Wehring.
Durch die Erderwärmung verschiebe sich die Spanne möglicher Temperaturen nach oben, erklärt Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Heiße Luftströmungen, die Deutschland aus Südwesteuropa und Nordafrika erreichen, sind heute deutlich heißer als noch in den 1960er- bis 1980er-Jahren. „Deshalb können sich bereits die ersten Hochsommertage des Jahres zu einer markanten Hitzewelle entwickeln.“ Steigende Temperaturen erhöhen die Intensität und Ausdauer von Hitzewellen. In der Forschung gebe es zudem vermehrt Hinweise darauf, dass blockierende Wetterlagen, wie das Omega-Hoch, länger bestehen bleiben, was Hitzeperioden zusätzlich verstärken kann.
Zunahme von Hitzetagen in Deutschland
Klimatologische Daten belegen einen steilen Anstieg der Hitzetage in Deutschland: vier Hitzetage pro Jahr im Schnitt bis 1990, knapp neun bis 2020 – und seit 2010 bereits elf. In Spitzenjahren wie 2018 wurden sogar 20,4 Hitzetage verzeichnet. Während sich die Erde global durch den Klimawandel bereits um rund 1,5 Grad erwärmt hat, ist der Temperaturanstieg in Deutschland mit etwa zwei Grad noch höher. Das rufe extreme Wetterlagen und Hitzewellen hervor, so Wehring.
Julian Krüger vom Max-Planck-Institut für Meteorologie erwartet mit dem Voranschreiten des Klimawandels eine weitere Zunahme von Hitzewellen. Er hat im Rahmen einer im Fachjournal „Plos One“ veröffentlichten Studie gemeinsam mit anderen Forschern die Auswirkungen von Hitzewellen in Europa der letzten 45 Jahre analysiert. Dabei kam heraus, dass die fünf intensivsten Hitzewellen alle in den vergangenen beiden Jahrzehnten lagen: in den Jahren 2010, 2014, 2018, 2021 und 2022. Laut dem Forscher wären diese Hitzeereignisse ohne den Klimawandel nicht möglich gewesen. „Mit Blick auf die vergangenen Jahre und die fortschreitende Erderwärmung sind weitere Hitzeperioden im Verlauf des Sommers möglich“, sagt Hoffmann.



