Der Deutsche Alpenverein (DAV) steht vor einer beispiellosen Herausforderung: Auf fast allen seiner rund 320 Schutzhütten in den Alpen herrscht derzeit Wassermangel. „Wir haben auf fast allen Hütten derzeit Mangellagen“, sagte DAV-Sprecher Julian Rohn. Die Lage sei „eine neue Dimension“, so Rohn weiter. Um den Küchenbetrieb aufrechtzuerhalten, wird auf der Blaueishütte bei Berchtesgaden das Trinkwasser per Hubschrauber angeflogen. Die Betreiber der Hütte informierten auf Facebook: „Wir müssen leider unsere Waschräume geschlossen halten und können Trinkwasser nur in PET-Flaschen gegen Gebühr abgeben. Bitte habt Verständnis für unsere Situation!“
Hubschrauberlieferungen und geschlossene Waschräume
Die Kosten für die Hubschraubertransporte sind erheblich: Eine Minute Flugzeit kostet rund 30 Euro, hinzu kommen 600 Euro für den Anflug. Auch andere Berghütten in der Region sind betroffen. Gabi Schieder-Moderegger, Vorsitzende der DAV-Sektion Berchtesgaden, erklärte gegenüber der dpa: „Wir haben noch nie den Fall gehabt, dass die Quellen nicht mehr geschüttet haben. Das ist heuer das erste Mal der Fall.“ Sie habe zwar einen Notfallplan erarbeitet, weil schon im Frühjahr die Bäche nur noch Rinnsale führten, aber: „Dass das aber so schnell geht, innerhalb einer Woche, damit haben wir nicht gerechnet.“
DAV-Sprecher Rohn beschreibt die Situation als „bittere Realität“. „Das ist schon drastisch, zumal es noch relativ früh in der Saison ist.“ Die Konsequenzen sind weitreichend: „Es sind Wassersparmaßnahmen erforderlich. Sprich, die Waschräume sind nicht mehr zugänglich, die wasserintensiven Spültoiletten müssen durch Trockentoiletten ersetzt werden.“ Bereits in der Vergangenheit hatte Wasserknappheit Hüttenwirte zur Aufgabe gezwungen, etwa die Neue Prager Hütte in den Hohen Tauern, die zweimal im August vorzeitig schließen musste.
Klimawandel als Ursache
Die aktuelle Lage ist eine Folge von zwei schneearmen Wintern und einer langen Trockenperiode. „Im Moment betrifft es flächendeckend alle“, so Rohn, auch wenn die lokale Wetterlage eine Rolle spiele. Die DAV-Sektionen betreiben rund 320 Hütten, gut zwei Drittel davon in den deutschen und österreichischen Alpen. Sie werden in der Regel aus oberflächennahen Wasservorkommen gespeist, die von Niederschlägen oder Schmelzwasser abhängen. Der Klimawandel reduziert diese Ressourcen Jahr für Jahr spürbar.
Besonders hochalpine Hütten leiden unter den Veränderungen. Versiegt eine wichtige Quelle, sind oft komplette Umbauten nötig. Eine Maßnahme ist der Einbau von Trockentoiletten. Zudem werden Duschen nur gegen Gebühr angeboten, und auf Untertassen oder kleine Schälchen für Marmelade wird verzichtet, um unnötige Spülgänge zu vermeiden. Das Watzmannhaus hat angekündigt, die Waschräume morgens und abends nur noch für jeweils zwei Stunden zu öffnen. An den Toiletten stehen Desinfektionsmittel bereit, während die Wasserhähne abgedreht sind.
Mobile Toiletten und aufbereitetes Regenwasser
In den Berchtesgadener Alpen hat die Sektion die Wasch- und Toilettenräume gesperrt und mobile „Baustellen-Toiletten“ per Hubschrauber auf die Berge bringen lassen. Diese funktionieren ohne die übliche Flüssigkeit, sodass die Fäkalien in die hauseigene Kläranlage gepumpt werden können. Als Trinkwasser dient mit UV-Anlagen aufbereitetes Regenwasser, das bei Gewittern vom Dach gesammelt wird. Die Maßnahmen zeigen, wie ernst die Lage ist: Der Klimawandel erhöht nicht nur die Gefahr von Felsstürzen und Steinschlag, sondern schmälert auch den Komfort auf den Hütten, wie Tobias Hipp vom DAV im Interview erläutert.



