Nach fast 80 Jahren ist das verschollen geglaubte Manuskript eines Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima in den USA wieder aufgetaucht. Die rund 230 Seiten umfassenden Aufzeichnungen des japanischen Pfarrers Kiyoshi Tanimoto wurden in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University im Nachlass des US-Kriegsjournalisten John Hersey entdeckt. Die Memoiren, die Tanimoto bereits 1947 verfasste, sollen nun pünktlich zum Jahrestag des Abwurfs am 6. August veröffentlicht werden. Das Buch trägt den Titel „The Lost Memoir: Hiroshima, 8:15“ – die Uhrzeit, zu der die Bombe explodierte.
Ein Zeitzeugnis aus dem Zentrum der Zerstörung
Kiyoshi Tanimoto befand sich am 6. August 1945 mit seiner Frau im Pfarrhaus im Stadtteil Teppo-cho, nur rund 900 Meter nordöstlich des Hypozentrums entfernt. Die Atombombe tötete sofort etwa 45.000 Menschen; innerhalb der ersten Tage starben mehr als 120.000. Drei Tage später folgte der Angriff auf Nagasaki mit rund 73.000 Toten. Japan kapitulierte am 15. August 1945. Tanimoto überlebte und beschrieb später dem Imperial War Museum die Szenerie: „Ich hörte das Dröhnen des Flugzeugs über mir. Ich wollte gerade hinausgehen, um nachzuschauen, da gab es plötzlich ein blendend gelbes Licht.“ Als er zurückkehrte, fand er eine weitgehend zerstörte Stadt vor. „Ich stellte fest, dass das Haus hinter mir vollständig zerstört war, und sah hier und da ein paar Menschen aus den Trümmern kommen. Ich brachte einen von ihnen zur Erste-Hilfe-Station, die in einer Grundschule eingerichtet war. Dort sah ich so viele Verletzte, dass ich mich fragte, was wohl passiert war. Ich stieg den Hang hinauf, machte eine Panoramaaufnahme der Stadt und stellte fest, dass die ganze Stadt in Flammen stand.“
In den Memoiren beschreibt Tanimoto eine Realität, die er zunächst für nicht in Worte fassbar hielt. Später entschied er sich zu schreiben, um zu verhindern, dass sich das Geschehen wiederhole, wie seine Tochter Koko Tanimoto Kondo gegenüber „The Guardian“ erklärte. In den Aufzeichnungen wird deutlich, wie die Überlebenden mit schweren Verbrennungen kämpften: Ihre Haut war zunächst gelblich, dann rot und geschwollen, später löste sie sich ab. „Die Verletzten waren still. Niemand weinte, niemand schrie vor Schmerzen. Niemand klagte. Selbst die Sterbenden starben lautlos. Nicht einmal Kinder weinten. Kaum jemand sprach“, wird Tanimoto in John Herseys Werk „Hiroshima“ (1946) zitiert.
Fund im Yale-Archiv: Manuskript lag jahrzehntelang verborgen
Das Manuskript wurde im Nachlass des Reporters John Hersey entdeckt, der 1993 starb. Hersey hatte im Mai 1946 drei Wochen in Hiroshima verbracht, um für den „New Yorker“ Überlebende zu interviewen. Seine eigene Publikation „Hiroshima“ zählt zu den bekanntesten frühen Berichten über den Atombombenabwurf. Tanimoto übergab Hersey offenbar seine Aufzeichnungen, die dann jahrzehntelang unbeachtet in den Archiven der Yale University lagerten. Die Memoiren gelten als eines der frühesten persönlichen Zeugnisse eines Überlebenden aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.
In einer Passage reflektiert Tanimoto die moralischen Fragen des Krieges: „Wir haben es verdient zu verlieren. Wir konnten nicht gewinnen. Haben wir die Atombombe verdient? Vielleicht ... vielleicht auch nicht. Aber noch versteht niemand ... wie es hier wirklich war.“
Verfilmung geplant: Hollywood bringt Geschichte auf die Leinwand
Die Geschichte von Kiyoshi Tanimoto soll zudem verfilmt werden. Produziert wird das Projekt von Donald Rosenfeld, Regie führt Phil Joanou. Der Arbeitstitel lautet „Hiroshima, 8:15“. In der Hauptrolle ist der japanisch-britische Schauspieler Takehiro Hira vorgesehen, bekannt durch seine Rolle als Detektiv in der Netflix-Serie „Giri/Haji“. Die Vorproduktion beginnt im November, die Dreharbeiten sind für Februar 2027 geplant. Die Rechte an dem Buch sind in den meisten Ländern bereits verkauft.
Produzent Rosenfeld betonte gegenüber „The Guardian“ die politische Aktualität des Stoffes: „Es ist ein tiefer Einblick in das, was diese schreckliche Bombe angerichtet hat. Angesichts der Lage im Iran und in Nordkorea ist das Thema gerade jetzt so aktuell. Man kann sich nichts Schlimmeres als Hiroshima vorstellen, aber es könnte noch schlimmer kommen – heute angeblich 10.000 Mal stärker. Wir müssen wirklich dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“
Erinnerung als Vermächtnis für kommende Generationen
Tanimotos Familie ist eng an der Veröffentlichung der Memoiren beteiligt. Seine 81-jährige Tochter Kondo schrieb ein Vorwort, in dem es heißt: „Erinnerung ist unsere Hoffnung auf ein Überleben als menschliche Wesen.“ Sie beschreibt ihre eigene Geschichte: „Viele Jahre lang konnte ich nicht in Hiroshima, meiner Geburtsstadt, leben. Am Tag des Atombombenabwurfs war ich acht Monate alt, ein Baby in den Armen meiner Mutter. Es dauerte 40 Jahre, bis sie es über sich brachte, mir mit ihren eigenen Worten zu erzählen, wie ich überlebt hatte. Nur wenige Menschen sprachen über diese Zeit. Ihre Erinnerungen ließen sie schweigen.“ Sie fügt hinzu, dass die Explosion fast alles im Zentrum von Hiroshima dem Erdboden gleichgemacht habe und die Hitze am Boden etwa 4.000 °C betrug: „Sie brannte sich durch Holz, Ziegel, Beton und menschliches Fleisch.“ Kondo ist auch an dem Film beteiligt und stellt den Filmemachern Überlebende oder deren Familien vor.
Das dunkle Kapitel der Menschheitsgeschichte erhält aktuell wieder mehr Aufmerksamkeit. Die Memoiren von Kiyoshi Tanimoto sind ein eindringliches Mahnmal gegen die Nutzung von Atomwaffen und ein Appell, die Erinnerung wachzuhalten.



