Kolumbianer im Ukraine-Krieg: Geld und Überzeugung an der Front
Kolumbianer im Ukraine-Krieg: Geld und Überzeugung (05.08.2026)

Mehrere tausend Kolumbianer kämpfen mittlerweile in den Reihen der ukrainischen Streitkräfte. Viele von ihnen dienten zuvor als Soldaten oder Polizisten und erhoffen sich deutlich höhere Bezahlung als in ihrer Heimat. Andere sprechen von Solidarität mit der Ukraine oder dem Wunsch, erneut als Soldat zu dienen. Der FUNKE-Kriegsberichterstatter Jan Jessen hat vier von ihnen an der Frontlinie in der Region Dnipro getroffen.

Warum Kolumbianer für die Ukraine kämpfen

In einem Wald nahe Dnipro traf Jan Jessen vier kolumbianische Soldaten der 31. mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee. Ihre Namen wurden geändert, sie verwenden ihre Call Signs: Sombras, Logotor, Coco und Dominic. Sie erklärten, warum sie fast 10.000 Kilometer gereist sind, um für die Ukraine zu kämpfen. Die Beweggründe sind vielfältig: finanzielle Not, Überzeugung und der Wunsch, dem Militär weiterhin anzugehören.

Kolumbien ist ein Land mit jahrzehntelanger Konflikterfahrung. Viele der Kämpfer haben in ihrer Heimat gegen Guerillagruppen oder Drogenkartelle gekämpft. Diese Erfahrung macht sie für die ukrainische Armee besonders wertvoll. Die Bezahlung in der Ukraine ist für kolumbianische Verhältnisse attraktiv – ein entscheidender Faktor für viele, die in ihrer Heimat kaum über die Runden kommen.

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Zwischen Überzeugung und Sold

Die Männer sprechen offen über Gerechtigkeit, Geld und ihre militärischen Hintergründe. Jan Jessen erklärt, dass Kolumbianer mittlerweile eine der größten Gruppen ausländischer Kämpfer in der Ukraine stellen. Die Kombination aus militärischer Erfahrung und wirtschaftlicher Not treibt viele in den Krieg.

Einer der Soldaten, Logotor, sagt: „In Kolumbien verdient man als Polizist vielleicht 300 Dollar im Monat. Hier bekomme ich das Zehnfache. Das ist für meine Familie ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Ein anderer, Sombras, betont: „Ich bin nicht nur wegen des Geldes hier. Ich habe in Kolumbien gegen Drogenkartelle gekämpft. Für mich ist es eine Frage der Überzeugung, gegen das Böse zu kämpfen, egal wo es ist.“

„Es war schlimmer als wir erwartet hatten“

Die Soldaten sprechen über den modernen Drohnenkrieg, Verletzungen und die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität an der Front. Die ständige Bedrohung durch Drohnen habe den Krieg grundlegend verändert. Man könne sich kaum noch bewegen, ohne entdeckt zu werden.

„Die Drohnen sind überall“, erklärt Coco. „Man hört sie summen, und dann kann es schon zu spät sein. Wir haben Kameraden verloren, die einfach im Schützengraben getroffen wurden. Das ist anders als alles, was ich aus Kolumbien kenne.“ Die psychische Belastung sei enorm. Viele hätten mit Angst und Schlafstörungen zu kämpfen, berichtet Dominic: „Manchmal wache ich nachts auf und denke, ich bin wieder in Kolumbien. Aber hier ist es kälter – nicht nur das Wetter, sondern auch der Krieg.“

Ausländer in ihrer eigenen Brigade

Ein ukrainischer Bataillonsvertreter der 31. mechanisierten Brigade erklärt, welche Rolle die Kolumbianer in seiner Einheit spielen. „Sie sind erfahrene Kämpfer, die sich schnell anpassen. Viele haben mehr Kampferfahrung als mancher ukrainische Rekrut“, sagt er. Die Zusammenarbeit funktioniere gut, auch wenn die Sprachbarriere anfangs eine Herausforderung sei. „Im Gefecht zählt nicht die Nationalität, sondern ob man seinen Mann steht. Und das tun sie.“

Die Integration ist bemerkenswert: Die Kolumbianer werden in gemischten Einheiten eingesetzt und haben sich schnell in die ukrainische Militärstruktur eingefügt. Der Bataillonsvertreter betont: „Am Ende zählt der Charakter, nicht der Pass.“ Die Sprachbarriere werde oft durch einfache Kommandos und Handzeichen überbrückt, und in kritischen Situationen zähle sowieso nur die Reaktion.

Wenn Kolumbianer auf Kolumbianer treffen

Russland rekrutiert ebenfalls Kämpfer aus Kolumbien. Die Soldaten erklären, warum die Herkunft auf dem Schlachtfeld keine Rolle mehr spielt. „Wenn wir auf Kolumbianer auf der anderen Seite treffen, ist das tragisch, aber wir zögern nicht“, sagt Sombras. „Sie haben sich für die falsche Seite entschieden, und im Krieg gibt es keine Rücksicht.“

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Die Konfrontation mit Landsleuten sei emotional, aber die Loyalität gelte der Ukraine. „Ich bin hier, um zu kämpfen, nicht um zu diskutieren. Wer für Russland kämpft, ist mein Feind, egal woher er kommt“, ergänzt Logotor. Diese Härte sei notwendig, um zu überleben, so die Männer übereinstimmend.

Der Winter bleibt

Zum Schluss sprechen die Männer über Kälte, Angst und die körperlichen Strapazen des Krieges – und darüber, warum dieser Einsatz sie tiefer geprägt hat als erwartet. Der Winter in der Ukraine sei unbarmherzig, Temperaturen weit unter null, Schlamm und Nässe. „Die Kälte dringt in die Knochen, und man kann nichts dagegen tun“, sagt Coco.

Die psychischen Narben werden bleiben. „Ich habe schon in Kolumbien viel gesehen, aber hier ist es anders. Die Intensität der Kämpfe, die ständige Bedrohung – das geht an niemandem spurlos vorbei“, gesteht Dominic. Die Männer wissen, dass sie vielleicht nie wieder ein normales Leben führen können. Doch sie bereuen ihre Entscheidung nicht: „Wir haben uns für das Militär entschieden, und wir dienen dort, wo wir gebraucht werden.“

Der Einsatz der Kolumbianer zeigt, wie international der Krieg in der Ukraine geworden ist. Für viele ist es eine Chance, dem wirtschaftlichen Elend in ihrer Heimat zu entkommen – für andere eine Frage der Ehre. Doch alle eint die Erfahrung eines Krieges, der sie für immer verändern wird.