Der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel hat für seinen neuen Roman „Sanditz“ intensive Recherchen betrieben, die ihn sogar in die Ukraine führten. Seine Reise begann in Polen, von wo aus er mit dem Nachtzug die Grenze überquerte. „Und auf einmal ist man im Kriegsland“, berichtete Rietzschel bei einer Lesung in Dresden. Er schilderte eine „Schneise der Verwüstung“ und eine lange Schlange von Frauen und Kindern an der Grenze, die auf ihre Ausreise warteten. Diese Eindrücke haben ihn tief bewegt: „Das hat mich wahnsinnig aufgewühlt bis heute.“ Gleichzeitig empfand er es als großes Privileg, als EU-Bürger problemlos ein- und ausreisen zu können.
Der Roman „Sanditz“ – eine ostdeutsche Familiengeschichte
In seinem dritten Roman beleuchtet Rietzschel die Geschichte der Familie Wenzel von den späten 1970er-Jahren bis zur Corona-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Krieges. Das Werk ist als eine Art ostdeutsche Familien- und Gesellschaftschronik angelegt. Eine der Hauptfiguren, der ehemalige Polizist Tom, reist als Freiwilliger in die Ukraine, um die dortigen Streitkräfte zu unterstützen.
Ein fiktiver Ort in der Lausitz
„Sanditz“, der Titel des Romans, ist eine fiktive Kleinstadt in der Lausitz, nahe einem Braunkohlerevier, an der „Bruchkante des Tagebaus“, wie Rietzschel es beschreibt. In dieser Stadt stecken Elemente aus Kamenz, Görlitz, Zittau und Weißwasser mit seiner Glasindustrie. „Ich baue mir einfach einen Ort, wie ich ihn gern hätte“, erklärte der Autor.
Komplexe Erzählstruktur mit vielen Figuren
Der Roman ist geprägt von zahlreichen Figuren und Zeitsprüngen. Um den Überblick zu behalten, nutzte Rietzschel eine ungewöhnliche Methode: Er pinnte viele Reißzwecken, rote Schnüre und Klebezettel an die Wand. Ähnlich wie bei der Arbeit der Kriminalpolizei, so der Autor. „Die Rauhfasertapete war voll“, sagte er schmunzelnd.
Rietzschel als wichtige Stimme des Ostens
Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz geboren und wuchs in Kamenz auf. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement in Kassel und Zittau/Görlitz. Sein erster Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“, der die Geschichte von Wendeverlierern und Rechtsradikalen erzählt, erregte 2018 große Aufmerksamkeit und wurde verfilmt. Im Jahr 2022 erhielt Rietzschel den Sächsischen Literaturpreis als „eine unüberhörbare, wichtige Stimme aus dem Osten“, die die langfristigen Folgen des tiefgreifenden Wandels in Ostdeutschland und darüber hinaus bewusst macht.



