Neun Tote bei Raketenangriff auf Kiew: Russland greift erneut an
Neun Tote bei Raketenangriff auf Kiew – Russland greift an

Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist in der Nacht erneut zum Ziel eines massiven russischen Raketenangriffs geworden. Mindestens neun Menschen wurden getötet und 23 weitere verletzt, unter ihnen zwei Jugendliche. Bürgermeister Vitali Klitschko meldete zunächst Explosionen in der Stadt und rief die Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben. Auf Telegram berichtete er später von Einschlägen in mehreren Bezirken, zerstörten Wohn- und Gewerbegebäuden sowie brennenden Autos. Ein fünfstöckiges Wohnhaus wurde durch herabstürzende Trümmer beschädigt, in dem Bewohner eingeschlossen wurden.

Laut AFP-Journalisten waren mehr als zehn Explosionen unmittelbar nacheinander zu hören; die Druckwellen lösten zahlreiche Autoalarmanlagen aus. Viele Einwohner verbrachten die Nacht erneut in U-Bahnstationen, weil Kiew weiterhin kaum über Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen verfügt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor mehrfach auf diese Lücke hingewiesen.

Gegenschläge der Ukraine

Die Ukraine setzte ihrerseits Angriffe auf russisches Gebiet fort. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, vier Drohnen seien über der Region zerstört worden. Über mögliche Schäden wurde zunächst nichts bekannt. Bereits am Vortag hatte die Ukraine nach Selenskyjs Angaben Logistikeinrichtungen in den russischen Regionen Sarapul, Kasan, Wolgograd sowie einen Seehafen in der Region Krasnodar attackiert.

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Proteste für den entlassenen Verteidigungsminister

In Kiew versammelten sich erneut Tausende Menschen, um die Wiedereinsetzung des entlassenen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow zu fordern. Ein AFP-Reporter berichtete, die Demonstranten seien durch die Innenstadt gezogen, hätten Fedorows Namen gerufen und „Holt ihn zurück!“ skandiert. Die 38-jährige Iryna Tkachuk hielt ein Schild mit der Aufschrift „Ist die alte Dame taub?“ – eine Anspielung auf Präsident Selenskyj. „Wir wollen, dass ein fähiger Manager zurückkehrt“, sagte sie. Fedorow war nach nur sechs Monaten im Amt im Zuge einer Regierungsumbildung abgelöst worden. Er steht für die Modernisierung der ukrainischen Armee und die Ausweitung von Drohnenangriffen auf russisches Territorium. Er selbst hat erklärt, sein Amt wieder übernehmen zu wollen.

Trump bremst bei Patriot-Produktion

US-Präsident Donald Trump hat sich zurückhaltend zur Möglichkeit einer Lizenzfertigung von Patriot-Abfangraketen in der Ukraine geäußert. „Diese Waffen sind unglaublich. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir jemandem erlauben, sie zu bauen“, sagte Trump bei einer Kabinettssitzung in Camp David. Selenskyj hatte kürzlich im Weißen Haus um entsprechende Lizenzen gebeten. Trump hatte zwar Anfang Juli angekündigt, der Ukraine das Recht zur Produktion zu geben, zeigte sich in einem Interview mit der „Financial Times“ jedoch bereits wieder einschränkend. Das Patriot-System gilt als entscheidend für den Schutz ukrainischer Städte insbesondere vor ballistischen Raketen.

Russland warnt vor Getreide-Blockade

Der russische Getreideverband hat vor den Folgen ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Schiffe und Häfen gewarnt. Sollte es zu einer vollständigen Blockade der Exportkorridore im Schwarzen Meer kommen, drohe ein Ausfall von 30 bis 35 Millionen Tonnen Weizen. Dies werde die Preise an den Weltmärkten treiben und den Hunger in Afrika und im Nahen Osten verschärfen, hieß es in einer Erklärung, die Reuters vorlag.

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Polen reagiert auf Raketeneinschlag und Aufklärer

Nach dem Einschlag eines russischen Marschflugkörpers auf polnischem Gebiet hat das Außenministerium in Warschau den russischen Botschafter einbestellt. Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz erklärte, die Rakete vom Typ Ch-101 sei im zweiten Quartal dieses Jahres in einer Fabrik nahe Moskau produziert worden. Ein von der Staatsanwaltschaft Lublin hinzugezogener Experte aus der Ukraine habe „nicht den geringsten Zweifel“ an der russischen Herkunft. Nach Angaben des stellvertretenden Verteidigungsministers Cezary Tomczyk hatte ein ukrainischer Pilot, der die Rakete verfolgte, etwa 20 Sekunden vor dem Eintritt in den polnischen Luftraum abgedreht, um nicht von polnischen F-16-Kampfjets abgeschossen zu werden. Zudem hat die polnische Luftwaffe erneut eine russische Il-20 abgefangen. Die Maschine flog 40 Kilometer nördlich von Kolobrzeg ohne Flugplan und ausgeschaltetem Transponder im internationalen Luftraum.

Frankreich friert Vermögen der Journalistin Fedorova ein

Die französische Regierung hat die Vermögenswerte der russischen Journalistin Xenia Fedorova für sechs Monate eingefroren. Zuvor war die Ausweisung Fedorovas angeordnet worden; sie steht unter Hausarrest und muss sich täglich bei der Polizei melden. Fedorova prangerte „politischen Druck“ an: „Wir erleben eine völlig neue Form politischen Drucks, die nur ein einziges Ziel hat: die Zensur von Meinungen.“ Präsident Emmanuel Macron hatte sie als „Propaganda-Agentin“ bezeichnet.

Krieg in der Erschöpfungsphase

Der Berater des ukrainischen Präsidenten für technologische Verteidigungsentwicklung, Serhij Beskrestnow, sieht den Krieg in einer Phase der Erschöpfung. Die Frontlinien bewegten sich kaum noch, stattdessen zerstörten beide Seiten vor allem die Infrastruktur des Gegners. „Wir zerstören die Infrastruktur Russlands, sie zerstören unsere“, schrieb er auf Facebook. Seiner Einschätzung nach wird der Krieg zwar enden, aber ohne klaren Sieger – mit hohen menschlichen Verlusten, zerstörter Infrastruktur und geschwächten Volkswirtschaften.

Selenskyj nennt Verlustzahlen

In einem Interview mit Fox News hat Wolodymyr Selenskyj die Verluste der ukrainischen Armee beziffert. Rund 50.000 Soldaten seien auf dem Schlachtfeld gefallen, etwa 400.000 verwundet worden. Viele würden vermisst. Er wolle nicht zu offen darüber sprechen, „weil die Russen dann verstehen, was in unserer Armee passiert“. Für die russische Seite nannte Selenskyj 1,6 Millionen Verluste, darunter etwa 700.000 Tote.

Weitere Frontgeschehnisse

Russland hat erneut eine Filiale des ukrainischen Logistikunternehmens Nova Poshta angegriffen. Bei dem Angriff in der Region Winnyzja wurden acht Menschen verletzt. Nach ukrainischen Medienberichten war es bereits der zehnte Angriff auf eine Filiale binnen eines Monats. Auf der von Russland annektierten Krim hat sich die Treibstoffversorgung entspannt, allerdings sind die Abgabemengen auf 20 bis 40 Liter pro Fahrzeug begrenzt, einige Sorten sind nur mit Bezugsscheinen erhältlich. Die Preise liegen Medienberichten zufolge dreimal so hoch wie in Moskau. Nach Informationen des „Guardian“ hat ein russischer Angriff auf Kiew am 24. Juli ein Werk des US-Drohnenherstellers Terminal Autonomy zerstört – offenbar der erste bekannte Fall, bei dem ein US-Unternehmen im Ukraine-Krieg getroffen wurde. Nach Angaben des Unternehmens gab es keine Verletzten.