Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben eine beispiellose Kraftstoffkrise ausgelöst. Mindestens acht der zehn größten Raffinerien des Landes wurden außer Gefecht gesetzt, was zu massiven Engpässen an Tankstellen führt. In der sibirischen Stadt Irkutsk warten Autofahrer bis zu zwölf Stunden, ohne zu wissen, ob noch Benzin oder Diesel vorhanden ist. Im Fernen Osten filmte ein Hubschrauber eine 28-stündige Warteschlange in der Region Transbaikalien. Selbst in Moskau stehen Fahrer zwei Stunden an, weil Tankstellen nicht öffnen.
Preissprünge und Exportverbote
Mitte Juni stiegen die Benzinpreise innerhalb einer Woche so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr. Auf der annektierten Krim wurde der Kraftstoffverkauf Mitte Juni gestoppt, und der Tourismus wurde bis September ausgesetzt. Anfang Juli verbot Russland den Export von Diesel; der Verkauf von Benzin und Kerosin ins Ausland war bereits eingeschränkt. Laut Umfragen staatlicher Institute erhält Präsident Wladimir Putin die niedrigsten Zustimmungswerte seit Kriegsbeginn.
Schwarzmarkt auf Telegram
Die Unzufriedenheit äußert sich in Gewalt an Tankstellen und vermehrten Diebstählen. Viele Russen weichen auf einen Grau- und Schwarzmarkt aus. „Telegram ist die neue Tankstelle“, berichtet die „Nowaja Gaseta Europa“. Kanäle sind voll mit Anzeigen für Kraftstoffkäufe und -verkäufe, besonders auf der Krim. Verkäufer liefern Benzin direkt zu den Autos, oft per Taxi, innerhalb von vier Stunden bei Vorauszahlung. Die Zeitung verfolgte einen Tanklaster in Krasnodar, der auf dem Weg nach Moskau planmäßige Zwischenstopps einlegte und Kraftstoff an Telegram-Besteller verteilte. Ob die Käufer ihre Bestellung erhielten, konnte nicht verifiziert werden.
App „Kanister-Austausch“
Ein weiteres Phänomen ist die App „Kanister-Austausch“, über die Nutzer landesweit Benzin anbieten oder nachfragen können. Mitte Juli boten Käufer 150 Rubel pro Liter auf der Krim und 100 Rubel in Moskauer Vororten – umgerechnet 1,69 Euro bzw. 1,12 Euro. Zum Vergleich: An offiziellen Tankstellen kostet Benzin trotz Preissprüngen umgerechnet etwa 80 Cent pro Liter, falls verfügbar.
Staatliche Gegenmaßnahmen
Die russische Regierung reagiert mit verzweifelten Schritten. Der Föderale Antimonopoldienst arbeitet mit Online-Marktplätzen wie Ozon, Wildberries und Avito zusammen, um Kraftstoffangebote zu entfernen. Privaten Verkäufern drohen Geldstrafen. Gegen drei Ölhandelsunternehmen wurde ein Kartellverfahren wegen Hamsterns und überhöhter Preise eingeleitet. Anfang Juli verabschiedete die Regierung ein Notverordnungsdekret, das den Verkauf von altem Euro-3-Benzin erlaubt, obwohl seit 2016 die Euro-5-Norm gilt. Laut „Kommersant“ wird sogar Euro-2-Kraftstoff erwogen, obwohl Experten vor Gesundheitsrisiken und Motorschäden warnen.
Alternative: E-Autos und Autogas
Viele Russen rüsten ihre Autos auf Autogas (LPG) um. Ein Werkstattbesitzer berichtet von Hunderten Anrufen täglich, von denen er nur 30 bis 40 bewältigen kann. Laut Reuters strömen Kunden in Autohäuser, um günstige chinesische E-Autos zu kaufen. Ein Händler chinesischer Marken macht nach eigenen Angaben „jeden Tag den Umsatz eines ganzen Monats“. Der Umstieg auf E-Autos ergab bisher wegen niedriger Benzinpreise wenig Sinn, doch die ukrainischen Drohnenangriffe haben die Rechnung geändert.



