Die Lage zwischen den USA und dem Iran spitzt sich dramatisch zu. Nach dem Tod zweier US-Soldaten durch iranischen Beschuss haben die USA erneute Luftangriffe auf Ziele im Iran durchgeführt. Beide Seiten schwören Rache, was eine gefährliche Eskalationsspirale auslöst. Das US-Militär griff in der achten Nacht in Folge iranische Stellungen an, wie das Regionalkommando Centcom auf X mitteilte. Ziel sei es, die iranischen Revolutionsgarden für Angriffe auf amerikanische Soldaten in Jordanien „schnell zu bestrafen“.
Iran droht mit „unvergesslichen Lektionen“
Irans oberster Führer Ajatollah Modschtaba Chamenei, der sich bisher nie öffentlich gezeigt hat, drohte in einer Erklärung mit Racheakten. „Da der amerikanische Feind nun auf Kriegstreiberei, die Übernahme noch schwererer Kosten und eine noch größere Schande aus ist, soll er wissen, dass das geliebte iranische Volk und die Widerstandsfront unvergessliche Lektionen für ihn bereithalten“, hieß es.
Es war das erste Mal seit dem gemeinsamen Beginn des Iran-Krieges durch die USA und Israel am 28. Februar, dass das US-Militär wieder Tote durch iranischen Beschuss meldete. Zwei Soldaten seien am Freitag in Jordanien ums Leben gekommen, als sie sich gegen iranische Raketen- und Drohnenangriffe verteidigten, teilte Centcom mit. Ein weiterer Soldat wird vermisst. Die offizielle Zahl der im Krieg gefallenen US-Soldaten steigt damit auf 16.
Hightech-Raketen aus Iran
Der Iran habe sich auf die US-Abwehrsysteme eingestellt und feuere Raketen ab, die mit extrem hoher Geschwindigkeit fliegen und während ihres Sturzflugs manövrieren könnten, zitierte das „Wall Street Journal“ US-Beamte. Die Fähigkeit des Irans, empfindliche Ziele zu treffen, schüre Befürchtungen, dass Teheran bei der Zielerfassung Unterstützung aus China oder Russland erhält.
Der Druck auf US-Präsident Donald Trump, der sich im eigenen Land angesichts des unpopulären Krieges mit Unzufriedenheit konfrontiert sieht, dürfte mit dem Tod der US-Soldaten weiter steigen. Der US-Sender NewsNation zitierte ihn mit den Worten, das sei „eine sehr traurige Sache“. „Wir sehen das ungern“, sagte er und bekräftigte, der Iran dürfe keine Atomwaffen haben.
Zivile Opfer im Iran
Im Iran starben nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums seit der neuen Eskalation mit den USA mindestens 50 Menschen. Mehr als 500 weitere Menschen wurden demnach bei den jüngsten Angriffen des US-Militärs verletzt. Die Regierung in Teheran berichtet in der Regel nur über zivile Opfer; über Verluste unter den eigenen Streitkräften gibt es keine offiziellen Daten.
Wie Centcom nach Abschluss der neuen Angriffswelle mitteilte, seien „erfolgreich“ militärische Küstenüberwachungs- und Flugabwehranlagen sowie Raketen- und Drohnenlagerstätten angegriffen worden. Das US-Militär will damit auch die Fähigkeit des Irans schwächen, die Handelsschifffahrt in der Straße von Hormus zu bedrohen, die für den globalen Handel mit Öl, Gas und Dünger wichtig ist.
Raketeneinschläge nahe der Insel Gheschm
Die den iranischen Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur Tasnim berichtete, dass mindestens sechs Raketen in Gebieten am Rande der Insel Gheschm im Persischen Golf eingeschlagen seien. Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht gemeldet. Irans Vizeaußenminister Kasem Gharibabadi sagte laut der iranischen Nachrichtenagentur Fars, man habe das Mitte Juni mit den USA vereinbarte Rahmenabkommen ausgesetzt und fühle sich nicht mehr daran gebunden. Trump sagte dazu, das sei ihm „völlig egal“.
Vereinbart im Abkommen war, innerhalb von 60 Tagen einen endgültigen Deal zur Beendigung des Krieges auszuhandeln. Auch sollte die Straße von Hormus geöffnet werden. Seit Anfang April galt eine Waffenruhe, die Trump jedoch kürzlich für beendet erklärte. Seit Anfang Juli eskaliert es wieder.
Emirate fordern Deeskalation
Die Vereinigten Arabischen Emirate fordern „ein sofortiges Ende der Feindseligkeiten sowie eine rasche Rückkehr an den Verhandlungstisch“. Ohne die USA und den Iran namentlich zu erwähnen, mahnte das Außenministerium der Emirate auf X einen „sofortigen Stopp der Eskalation“ und äußerste Zurückhaltung an, „um gefährliche Auswirkungen und ein Abgleiten der Region in ein neues Ausmaß an Gewalt und Instabilität zu verhindern“.
Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf X, es werde immer deutlicher, „dass die Ereignisse allmählich außer Kontrolle geraten“. Angesichts des praktisch nicht vorhandenen Vertrauens zwischen Washington und Teheran, der zunehmend erschöpften Vermittler und eines Dialogs, der vor allem über Militärschläge geführt werde, „ist das Risiko einer weiteren Eskalation mittlerweile größer als die Aussichten auf eine Deeskalation“.
Experte warnt vor Ausweitung des Konflikts
Die Kombination aus Trumps Vorgehen und der Machtdemonstration Teherans während der Beerdigung des getöteten Staatsoberhauptes Ali Chamenei scheine die Überzeugung bei Schlüsselpersonen der Revolutionsgarden bestärkt zu haben, dass sie nicht nur über ausreichend innenpolitische Rückendeckung verfügen, sondern auch kaum eine andere Wahl haben, als ihre Reaktion auf die US-Angriffe zu verschärfen, schrieb Citrinowicz. Unter diesen Umständen werde es äußert schwierig, „die Eskalationsspirale unter Kontrolle zu halten“, und er warnte vor einer Ausweitung des Konflikts, in den die mit Washington verbündeten Golfstaaten noch direkter hineingezogen werden könnten. Sofern sich nicht bald etwas Wesentliches ändere, steuere der Konflikt auf eine „weitaus gefährlichere Phase“ zu, die für beide Seiten immer schwerer einzudämmen sein könnte.



