Nach dem islamistischen Anschlag im Berliner Tiergarten hat sich der Vater des mutmaßlichen Täters Abdul B. zu Wort gemeldet. In einem Gespräch mit dem Magazin „Der Spiegel“ erklärte Tawfik B., sein Sohn sei einer „Gehirnwäsche“ unterzogen worden. Zugleich betonte er: „Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den Islamischen Staat (IS) nicht.“ Die Familie, die aus dem Libanon stammt, sei nicht extrem religiös gewesen.
Radikalisierung und Vorgeschichte
Abdul B., 21 Jahre alt und in Deutschland geboren, war bereits im Juli 2025 im Libanon festgenommen worden, weil er offenbar versuchte, nach Syrien zum IS zu gelangen. Nach drei Monaten Haft kehrte er nach Berlin zurück, wo er am Flughafen erneut festgenommen und in Untersuchungshaft genommen wurde. Ein Berliner Gericht verurteilte ihn wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Eine Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm war Teil der Auflagen.
Der Vater schilderte, dass der Kontakt zu seinem Sohn stets normal gewesen sei. Am Samstag, dem Tag des Anschlags, hätten sie ein alltägliches Telefonat geführt, bei dem Abdul sagte, er vermisse seine Familie und wünsche sich, bei ihnen im Libanon zu sein. „Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein“, so Tawfik B. gegenüber dem „Spiegel“.
Letzte Stunden und der Anschlag
Gegen 22 Uhr am Samstagabend steuerte Abdul B. einen gemieteten weißen Transporter in eine Menschenmenge im Großen Tiergarten. Dabei kam eine Frau ums Leben, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Der Attentäter floh zu Fuß und versteckte sich in einer Gartenlaube im Stadtteil Spandau. Dort wurde er von der Polizei erschossen, nachdem er mit einem Messer in der Hand auf die Beamten zugelaufen war.
Der Vater hatte noch versucht, seinen Sohn am Abend zu erreichen. „Hunderte Male“ habe er angerufen, die letzte Nachricht sei um 21.53 Uhr gewesen. Danach brach der Kontakt ab. Tawfik B. beschrieb seinen Sohn als „großzügig, emotional, liebevoll“ mit dem „Herz eines Kindes“. Gleichzeitig räumte er ein, dass es Konflikte über äußere Zeichen der Religiosität gegeben habe – etwa den langen Bart, den er dem Sohn verboten hatte.
Reaktionen und Einordnung
Extremismusberater hatten zuvor bei Abdul B. „nicht das geringste Anzeichen einer Bedrohungssituation“ erkannt, wie der „Spiegel“ berichtet. Der Fall wirft erneut Fragen nach der Wirksamkeit von Deradikalisierungsprogrammen und der Überwachung von Terrorverdächtigen auf. Der Vater betonte, die Familie sei schiitisch und lehne den IS ab. Abdul hingegen habe Sunniten „geliebt“. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten besteht seit Jahrhunderten und wird vom IS genutzt, um Gewalt zu rechtfertigen.
Die Berliner Polizei und die Staatsanwaltschaft ermitteln weiter. Der Anschlag wird als islamistischer Terrorakt eingestuft. Politiker aller Parteien haben Bestürzung geäußert und fordern Konsequenzen für die Sicherheitspolitik.



