Kriegsalltag in Cherson: Nächte im feuchten Keller der Angst
Kriegsalltag in Cherson: Nächte im feuchten Keller der Angst

Kriegsalltag in Cherson: Nächte im feuchten Keller der Angst

Wenn die Dämmerung über Cherson hereinbricht, beginnt für viele Bewohner der alltägliche Gang in die Dunkelheit. Die Stadt im Süden der Ukraine gilt als eine der gefährlichsten des Landes. Seit der Befreiung im Herbst 2022 beschießen russische Streitkräfte täglich die Stadt mit Artillerie und attackieren sie mit Kamikaze-Drohnen. Allein in diesem Jahr wurden 93 Zivilisten getötet, über tausend verletzt. Die Bewohner eines Wohnblocks haben sich in ihrem Keller eingerichtet, um den Nächten zu trotzen.

Ein Zuhause unter der Erde

Ljudmila Rubanyak lebt seit fast vierzig Jahren in dem fünfstöckigen Gebäude, dessen Fassade von Granatsplittern gezeichnet ist. Fenster sind durch Spanplatten ersetzt, der rosafarbene Putz bröckelt. Sie sitzt auf einem Klappstuhl hinter einer zweieinhalb Meter hohen Betonmauer, die vor Detonationswellen schützen soll, und zeigt zum Himmel: „Das hier ist eine Autobahn für Drohnen.“ Ein helles Sirren ertönt – eine Drohne. Ängstlich blickt sie nach oben, seufzt und steigt hinab in den muffigen Keller.

Im September 2023 schlug ein Geschoss im fünften Stock ein, drei Menschen starben. „Da habe ich einen Hammer genommen und das Schloss des Kellers aufgebrochen“, erzählt Rubanyak. Seither haben sie und ihre Nachbarn sich unten eingerichtet. Der Keller riecht nach Schimmel, rostige Rohre ziehen sich entlang unverputzter Wände. In einem großen Raum stehen sechs Betten mit ausgeleierten Matratzen und klammen Decken. Hinter einer Plastikfolie liegen weitere Räume, daneben eine übel riechende Toilettenschüssel. Ein dicker schwarzer Käfer krabbelt über den Boden.

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Gemeinschaft in der Not

Die Stammgäste schlafen nahe der Betontreppe. An deren Fuß gibt es eine Sitzecke mit Lampe, links eine Küchenzeile, rechts und geradeaus Schlafkammern. Ein Kalender mit Ikonen hängt an der Wand, daneben ein Tuch mit Kinderzeichnungen. „Wir kommen jeden Abend hierher“, sagt Rubanyak. „Es ist sehr beängstigend da oben. Ständig kreisen Drohnen über uns. Die Russen haben eine regelrechte Safari daraus gemacht.“ Die 64-Jährige arbeitet bei der Stadt und ist Verwalterin von sechs Wohnblöcken. Auf ihrem Telefon zeigt sie Bilder vom Silvester- und Weihnachtsfest im Keller. „Wir fühlen uns hier ruhig, selbst bei Beschuss. Das ist ein sicherer Ort.“

Nach einer halben Stunde gehen sie und andere noch einmal nach draußen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Mischa, 68, trägt ein Muskelshirt, auf seinem Arm eine verblichene Tätowierung – ein Schiff mit Stern auf dem Segel. Er diente in der Sowjetunion bei der Baltischen Flotte, war auf Kuba. Seine Tochter arbeitet auf einem Kreuzfahrtschiff. Dass es zum Krieg mit Russland kommt, hätte er nie gedacht. „Es wird sich nicht schnell ändern, das dauert noch mindestens zwei Jahre.“

Stimmen der Verzweiflung

Hinter der Betonwand fahren Kinder Fahrrad. Im Februar schlugen auf der Straße mehrere Geschosse ein. Sofia, 74, mit grauen Haaren und ausgemergeltem Gesicht, schimpft: „Sie töten jeden Tag Menschen, sie jagen uns. Heute Morgen haben sie einen jungen Mann ermordet. Sie sind wie Tiere.“ Sie kritisiert auch die eigene Regierung: „Niemand braucht uns, jeder benutzt uns nur für die Propaganda.“

Olena, 56, hat von Bekannten im besetzten Süden gehört, dass russische Streitkräfte in Auflösung seien. Sie stammt aus Luhansk, floh 2014 nach Cherson. Ihr Mann, ein Afghanistan-Veteran, wurde von Russen gefangen genommen und schwer gefoltert. Sie tippt sich an den Kopf: „Er ist jetzt behindert. Aber die Regierung erkennt nicht an, dass das von der Folter kommt. Man misstraut uns russischsprachigen Menschen.“

Die Nacht beginnt

Als eine weitere Nachbarin mit ihrer alten Cockerspaniel-Hündin Asia kommt, wird die Stimmung besser. Plötzlich donnert es – ukrainische Artillerie. Asia reagiert nicht, sie ist taub. „Früher hatte sie sehr viel Angst, jetzt nicht mehr“, sagt ihre Besitzerin. Wenige Minuten später folgen weitere ohrenbetäubende Knalle, dann Explosionen einschlagender Geschosse. Es ist kurz nach neun, das allnächtliche Artillerieduell hat begonnen. Zeit für den Keller.

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Dort sitzen die Bewohner zusammen, trinken Tee, reden, spielen auf ihren Handys. Im Keller gibt es WLAN. Gegen zehn Uhr ziehen sie sich in ihre Schlafkammern zurück. Die Nacht ist voller Geräusche: Husten, Schnarchen, Knistern der Plastikvorhänge, knirschende Schritte, rauschendes Wasser in den Rohren, dumpfes Geschützfeuer.

Ein neuer Tag

Am nächsten Morgen um sieben macht Ljudmila Kaffee, dann brechen sie an die Oberfläche auf. Draußen steht Serhij mit einem Gewehr, beobachtet den Himmel. Im Schnitt fliegen täglich fast 300 Drohnen auf Cherson, 95 Prozent werden neutralisiert. Serhij erzählt: „Ich gehe mit meiner Frau in den Park, um streunende Hunde zu füttern. Ich bin schon zweimal verletzt worden.“ Er zeigt auf seinen Mund – einige Zähne fehlen, von der Gefangenschaft 2022.

Ljudmila möchte den Keller ausbauen. Derzeit bietet er 30 Menschen Platz, erweitert könnten es 230 sein. Mischa reckt sich, weiß noch nicht, was er mit dem Tag anfängt. Eigentlich angelt er gern, „aber man kann nicht zum Fluss. Sie töten jeden, der zum Fluss geht.“