Russland, der drittgrößte Ölproduzent der Welt, leidet unter einer schweren Treibstoffkrise. Etwa 90 Prozent der russischen Regionen sind von der Benzinkrise betroffen. Um die Versorgung zu sichern, greift die Regierung zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Sie kauft Benzin aus Indien zurück – das aus russischem Rohöl raffiniert wurde.
Ukrainische Angriffe auf Raffinerien
Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten systematisch russische Raffinerien attackiert. Oberst Markus Reisner spricht im ntv.de-Interview von einem „Schaden von über 43 Prozent an der russischen Erdölindustrie“. Die heimische Benzinproduktion kann nur 65 Prozent der Nachfrage decken. Präsident Wladimir Putin hat die Probleme inzwischen öffentlich eingeräumt.
Vizeregierungschef Alexander Nowak kündigte Anfang Juli an, nach Benzin auch keinen Diesel mehr exportieren zu wollen. „Außerdem werden wir im Juli mit dem Import von Erdölprodukten beginnen“, sagte Nowak. Russland plant, monatlich 400.000 Tonnen Benzin aus verschiedenen Ländern zu importieren, davon 60.000 Tonnen aus Indien.
Indisches Benzin auf dem Weg nach Russland
Führende russische Energiekonzerne wie Rosneft, Gazprom Neft und Lukoil haben bei indischen Raffinerien angefragt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Mindestens eine Ladung indisches Benzin ist per Schiff auf dem Weg nach Russland. Ein Tanker unter kamerunischer Flagge wurde Mitte Juni in einem Hafen im Nordwesten Indiens mit 42.000 Tonnen Benzin beladen. Nach einer Schiff-zu-Schiff-Umladung vor Ägypten soll der Tanker, der nun unter omanischer Flagge fährt, um den 26. Juli herum einen Hafen auf der Halbinsel Kola erreichen.
Ein zweiter Tanker mit 30.000 bis 40.000 Tonnen Benzin ist ebenfalls unterwegs, berichtet Reuters. Beide Schiffe gehören zur russischen Schattenflotte, wie das ukrainische Portal Ekonomiczna Prawda meldet. Das erste Schiff gehört einem indischen Unternehmen, das für Rosneft Öl transportiert; das zweite ist mit der staatlichen Reederei Sowcomflot verbunden.
Indien als Drehscheibe für russisches Öl
Das Benzin stammt aus der indischen Raffinerie Nayara Energy, die zu 98 Prozent einem russischen Konsortium unter Führung von Rosneft gehört. Indien bezieht über die Hälfte seines Rohöls aus Russland: im Juni eine Rekordmenge von 2,7 Millionen Barrel pro Tag, im Mai waren es 2,13 Millionen Barrel. Die indischen Behörden betonen, dass indische Unternehmen keinen Treibstoff direkt an Russland liefern, Moskau könne aber indisches Benzin von Händlern kaufen.
Bloomberg sieht einen Grund für die indischen Ölimporte in ukrainischen Angriffen auf die russische Energie-Infrastruktur: Russland kann sein Öl nicht verarbeiten und muss es exportieren. So kauft Russland sein eigenes Rohöl aus Indien zurück – als raffiniertes Benzin, für das es einen Aufpreis zahlt, schreibt das ukrainische Portal Euromaidan. Importeure erhalten seit Juni eine Subvention, die an den Benzinpreis auf dem indischen Markt gekoppelt ist.
Benzin aus Kasachstan und Belarus
Erstmals importiert Russland auch Benzin aus Kasachstan. Rund 1000 Tonnen wurden diesen Monat in eine zentralrussische Region geliefert. Insgesamt 50.000 Tonnen Kraftstoff der Sorte AI-95, entsprechend europäischem Superbenzin, will Kasachstan im Juli und August liefern. Viele Russen fuhren über die Grenze, um zu tanken; der Kraftstoffschmuggel nahm zu. Kasachstan hat deshalb Polizeiposten eingerichtet, um illegale Treibstofftransporte zu unterbinden.
Aus Belarus hat Russland im Juni so viel Benzin und Diesel bezogen wie nie zuvor – täglich bis zu 6000 Tonnen. Damit versucht der Kreml vor allem die Region Moskau vor Engpässen zu schützen. Auch aus Sibirien und dem Ural wurden mehrere hunderttausend Tonnen Kraftstoff in die Hauptstadt umgeleitet. In und um Moskau hat sich die Lage stabilisiert.
Importe decken nur ein Drittel des Bedarfs
Die Importe von 400.000 Tonnen Benzin aus Indien, Belarus und Kasachstan decken jedoch nur ein Drittel des monatlichen russischen Bedarfs. Benjamin Triebe von der „Neuen Zürcher Zeitung“ fasst die Lage treffend zusammen: „Solange die Ukrainer schneller russische Raffinerie-Kapazitäten zerstören, als die Russen sie reparieren können, geht dieses Problem nicht aus der Welt.“



