Sorge vor neuer Mobilmachung in Russland: Putin bricht Versprechen?
Sorge vor neuer Mobilmachung in Russland

In Russland wächst die Sorge vor einer neuen Mobilmachung. Wie russische Oppositionsmedien unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld der Präsidialverwaltung berichten, sei die Zahl der neu rekrutierten Vertragssoldaten inzwischen so niedrig, dass im Kreml über eine Mobilisierung „auf allen Ebenen diskutiert“ werde – womöglich sogar schon im Oktober direkt nach den Parlamentswahlen. Zwar sei noch keine Entscheidung gefallen. Aber: Die Vorbereitungen „für das, was niemals als Mobilmachung bezeichnet werden wird“, seien bereits seit mehreren Monaten in vollem Gange, so ein Insider.

Putins Versprechen bröckelt

Kremlchef Wladimir Putin (73) hat zwar immer wieder betont, dass es nach der sogenannten Teilmobilmachung 2022 keine erneute Einziehung von Reservisten geben wird. Doch Moskau steht unter Zugzwang: Das bisherige Rekrutierungsmodell hat sich erschöpft. Immer weniger Russen lassen sich mit Geld für den Kriegsdienst gewinnen. Die Einstellungsraten sanken laut einer Schätzung der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im ersten Quartal 2026 auf rund 800 Arbeitsverträge pro Tag – der niedrigste Wert seit drei Jahren. Im zweiten Quartal könnten es zwar wieder etwa 1000 pro Tag sein, allerdings sollen sie immer öfter unter fragwürdigen Umständen zustande kommen.

Polizei hilft bei Rekrutierung

Um die vorgegebenen Quoten zu erfüllen, setzen die Wehrdienstämter laut „Meduza“ immer öfter auf die Hilfe der Polizei. Wer straffällig geworden sei, dem werde etwa in einigen Regionen Sibiriens im Austausch für Straffreiheit ein Wehrdienstvertrag angeboten. Hinzu kommen Berichte über Zwangsrekrutierungen. Zuletzt machte ein Video aus dem Wehramt in Pensa (rund 600 Kilometer südöstlich von Moskau) in den sozialen Medien die Runde: Es zeigt, wie Männer in Zivil neben Uniformierten in einen Minibus gesetzt werden. Vor dem Bus klagen weinende Frauen darüber, dass den Männern Gewalt angetan worden sei.

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Auch die Organisation Idite Lesom berichtet, Männer würden auf den Straßen der Region „wahllos zusammengetrieben“, festgenommen und weggebracht. Einwohner erklärten hingegen, die Razzien richteten sich gezielt gegen Wehrdienstverweigerer. Russlands Verteidigungsministerium spricht von einer „Inszenierung“.

Zwangsrekrutierte als Last an der Front

An der Front in der Ukraine seien die Zwangsrekrutierten für die russischen Einheiten jedoch kein Gewinn, wie ein Soldat laut „Meduza“ erklärte. „Manche kommen aus dem Gefängnis, andere von der Straße. Es sind Kriminelle – oft schon so alt und krank, dass sie kaum stehen können. Sie sind eine Last für alle. Sie können nicht einmal in Uniform laufen und es fällt ihnen schwer, 20 Kilogramm zu tragen.“ Viele von ihnen desertierten von der Front, so der Soldat weiter. Die Einheiten seien ständig unterbesetzt.

Putins Risiko einer neuen Mobilmachung

Für seinen Krieg braucht Putin qualifiziertes Personal. Doch die Risiken einer neuen Mobilmachung wären hoch. Schon die „Teilmobilmachung“ vor vier Jahren führte zu Protesten, Hunderttausende Männer flüchteten ins Ausland – und fehlten als Arbeitskräfte. Hinzu kommt: Die Menschen spüren den Krieg inzwischen viel stärker als damals: im Geldbeutel, an der Tankstelle oder in Form von Drohnenangriffen vor der eigenen Haustür. Die Folge: Putin ist so unbeliebt wie lange nicht. Es könnte selbst für ihn schwer werden, die Kontrolle über die öffentliche Stimmung zu behalten.

Trotzdem, glauben Experten, könnte er es wagen – allein um militärische Erfolge an der Front in der Ukraine zu forcieren. Seit Monaten kommt die russische Armee dort kaum voran. Und dem Kreml bleiben nicht viele Optionen, erklärte Militäranalyst Konrad Muzyka in der „Financial Times“: „Abgesehen von Atomwaffen glaube ich nicht, dass (Moskau) viel tun kann, um den Verlauf der Kämpfe in den kommenden Monaten wesentlich zu verändern – es sei denn, es kündigt eine weitere Teilmobilmachung an.“

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