Die russische Bevölkerung ist einer renommierten Politikwissenschaftlerin zufolge vor der anstehenden Parlamentswahl im September tief verunsichert und unzufrieden. In einem Interview mit dem SPIEGEL beschrieb Ekaterina Schulmann die Stimmung im Land als „eine verängstigte, depressive und zutiefst unglückliche Wählerschaft“. Die Umfragewerte für die Regierungspartei Einiges Russland von Präsident Wladimir Putin sind demnach ungewöhnlich schlecht.
Gründe für die Unzufriedenheit
Schulmann, die als Professorin für Politikwissenschaft an der Europäischen Universität in Sankt Petersburg lehrte, führte mehrere Faktoren für die schlechte Stimmung an. Die wirtschaftliche Stagnation, die anhaltende Inflation und die sinkenden Realeinkommen hätten die Lebensbedingungen vieler Russen verschlechtert. Hinzu komme die zunehmende Repression gegen Oppositionelle und unabhängige Medien, die zu einer Atmosphäre der Angst führe.
„Die Menschen haben das Vertrauen in die Zukunft verloren“, sagte Schulmann. Viele Russen sähen keine Perspektive für positive Veränderungen. Die Regierungspartei Einiges Russland, die seit Jahren die Duma dominiert, könne nicht mehr mit der früheren Zustimmung rechnen. Laut Umfragen des unabhängigen Lewada-Zentrums ist die Zustimmung zur Partei auf unter 30 Prozent gefallen – ein historischer Tiefstand.
Auswirkungen auf die Dumawahl
Die bevorstehende Wahl zur Staatsduma, die vom 17. bis 19. September 2026 stattfindet, könnte daher zu einem Denkzettel für die Regierung werden. Schulmann warnte jedoch, dass die Wahl unter den gegebenen Umständen nicht frei und fair sei. „Die Opposition wird systematisch behindert, und die Medien sind gleichgeschaltet“, erklärte sie. Trotz der schlechten Umfragewerte sei daher nicht mit einem Machtwechsel zu rechnen.
Die Politikwissenschaftlerin betonte, dass die Unzufriedenheit nicht nur Einiges Russland treffe, sondern auch Präsident Putin persönlich. Dessen Zustimmungswerte seien ebenfalls rückläufig, wenn auch auf einem höheren Niveau. „Putin bleibt der mit Abstand populärste Politiker, aber sein Image als Garant für Stabilität hat gelitten“, so Schulmann.
Gesellschaftliche Folgen
Die gedrückte Stimmung habe auch gesellschaftliche Auswirkungen. Immer mehr Russen zögen sich aus dem öffentlichen Leben zurück oder wanderten aus. „Besonders junge, gut ausgebildete Menschen sehen keine Zukunft in Russland“, sagte Schulmann. Die Abwanderung von Fachkräften sei ein wachsendes Problem für die Wirtschaft. Gleichzeitig nähmen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen zu, was die soziale Lage weiter verschärfe.
Schulmann zufolge ist die Regierung bislang nicht in der Lage, auf die Krise zu reagieren. „Statt Reformen setzt die Führung auf Repression und Propaganda“, kritisierte sie. Dies könne langfristig zu einer Destabilisierung des politischen Systems führen. Die Dumawahl sei daher ein wichtiger Stimmungstest, auch wenn die Ergebnisse manipuliert werden könnten.
Das Interview mit Ekaterina Schulmann wurde am 13. Juli 2026 von Ann-Dorit Boy geführt. Der vollständige Artikel ist im SPIEGEL erschienen.



