Seit Mitte Juli sind die Logistikzentren des größten russischen Online-Händlers Wildberries wiederholt Ziel ukrainischer Drohnenangriffe. Binnen 17 Tagen zerstörten die Drohnen mehr als ein Viertel der gesamten Lagerfläche des Unternehmens – über 1,5 Millionen Quadratmeter, wie das unabhängige russische Medium Verstka am 3. August berichtete. Der wirtschaftliche Schaden für die auf der Plattform aktiven Verkäufer wird von Forbes Russia auf nahezu 280 Milliarden Rubel (mehr als drei Milliarden Euro) geschätzt. Mindestens acht Menschen kamen bei den Angriffen ums Leben, Dutzende wurden verletzt.
Angriffe von Krasnodar bis Samara
Riesige Rauchwolken über Lagerhallen und Sortierzentren sind seit zwei Wochen ein Standardbild in mehreren russischen Regionen. Von Krasnodar im Süden über die zentralen Landesteile bis in die Wolgaregion und den Ural reichen die Angriffe. Den ersten Angriff am 18. Juli bezeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als Antwort auf russische Attacken auf die zivile Infrastruktur der Ukraine. Kiew begründet die gezielten Schläge gegen Wildberries mit der Behauptung, über die Gruppe seien „sanktionierte Komponenten für die Drohnenproduktion und Navigationsausrüstung“ geliefert worden.
Wildberries: Mehr als Russlands Amazon
Das Unternehmen wurde 2004 von Tatjana Kim und ihrem damaligen Ehemann Wladislaw Bakaltschuk gegründet. 2021 führte das Paar das Forbes-Ranking der reichsten Familie Russlands an. Wildberries wird oft mit Amazon, eBay oder Temu verglichen: Auf der Plattform verkaufen Händler praktisch alles – Elektronik, Lebensmittel, Sportausrüstung, sogar Medikamente. Es gibt einen Reisebereich „WB Travel“ für Flug- und Hotelbuchungen. Dieses massive Angebot wird über ein Netz aus Lagerhäusern, Sortier- und Logistikzentren sowie mehreren Tausend Abholstationen in ganz Russland betrieben. Genau diese Infrastruktur steht nun im Visier ukrainischer Drohnen.
Milliardenschäden für Marktplatz-Händler
Die Angriffe haben verheerende Folgen für die Händler. Wildberries-Chefin Kim erklärte am 31. Juli in ihrem Telegram-Kanal, das Unternehmen habe mit der russischen Regierung bereits ein Maßnahmenpaket zur Unterstützung betroffener Unternehmer abgestimmt. Bereits am 22. Juli hatte Kim angekündigt, betroffene Verkäufer aus dem Lager Elektrostal bei Moskau sollten „binnen 24 Stunden“ Zahlungen erhalten; dabei hätten die „kleinsten und am wenigsten geschützten Unternehmer“ Priorität. Am 28. Juli meldete Wildberries, mehr als 40 Millionen Rubel an direkten Entschädigungen ausgezahlt zu haben. Die zweite Auszahlungsrunde Ende Juli umfasste nach Unternehmensangaben mehr als 97.000 kleine und mittlere Unternehmen.
Doch Recherchen der unabhängigen russischen Medien Agentstwo und Novaya Gazeta Europe in Telegram-Chats vom 22. und 23. Juli zeigen: Viele Unternehmer erhielten nach der ersten Ankündigung nur einen Bruchteil ihres tatsächlichen Verlusts, die meisten gar keine Zahlung. Rein formal schuldet der Marktplatz vielen Verkäufern nichts: Wildberries hatte seine Vertragsbedingungen kurz vor den ersten Angriffen, am 7. Juli, geändert und die Haftung für Schäden durch Drohnenangriffe ausgeschlossen.
Kiew: Wildberries unterstützt den Krieg
Kiew wirft Wildberries vor, den russischen Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen. Neben Präsident Selenskyj behauptete auch die englischsprachige ukrainische Nachrichtenredaktion Kyiv Independent, über die Plattform würden unter anderem Drohnenbestandteile und Schutzwesten verkauft. Das unabhängige russischsprachige Medium Meduza fand jedoch keine Belege dafür, dass Wildberries direkt in die Beschaffungsstruktur des russischen Verteidigungsministeriums eingebunden ist. Klar ist aber: Freiwillige, die die russische Armee unterstützen, kaufen Ausrüstung über den Marktplatz – ein Volumen, das laut Meduza zwar überschaubar, aber über die Kriegsjahre stetig gewachsen ist.
Signal an Eliten und Bevölkerung
Mychajlo Podoljak, Berater im ukrainischen Präsidialamt, sagte im Interview mit der Deutschen Welle am 30. Juli, die Störung der Frontversorgung sei nur eines von mehreren Angriffszielen. Der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen mit laut Podoljak 6,2 Billionen Rubel Umsatz – Wildberries selbst gab für 2025 6,1 Billionen Rubel an, umgerechnet mehr als 65 Milliarden Euro – treffe auch dessen Gläubiger. Podoljak erwähnte die großen russischen Banken Sberbank, VTB, Alfa-Bank und PSB. Das Ergebnis könne eine „schreckliche Defiskalisierung“ des russischen Staatshaushalts sein, sagte der Berater.
Zudem solle die Zerstörung des Wildberries-Geschäfts ein Signal an die russischen Eliten senden, sagte er weiter. Podoljak nannte den kremlnahen Geschäftsmann Suleiman Kerimow sowie die Präsidialbeamten Anton Waino und Alexej Gromow – zwei Namen, die bislang nicht mit Wildberries in Verbindung gebracht wurden. Außerdem hoffe die Ukraine auf Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung: Brände in den Lagern träfen eine große Zahl ansonsten „unpolitischer“ Menschen, die plötzlich alles verlören, so Podoljak.
Spürbarer Schaden, aber kein Kriegsende
In sozialen Medien berichten viele russische Kleinstunternehmer, sie hätten Waren im Millionenwert verloren und wüssten nicht, wie es für sie weitergehen soll. Der Schaden für einfache Bürger sei jedenfalls spürbar, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Konstantin Sonin, Professor an der Harris School of Public Policy der University of Chicago. 2024 wurde Sonin in Russland in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – wegen „Falschnachrichten über die Armee“.
Einerseits sei das Unternehmen ein wichtiger Teil der russischen Wirtschaft, erklärte Sonin. Wildberries und sein Konkurrent Ozon hätten die Post in Russland faktisch ersetzt und würden zur zentralen Achse der Konsumwirtschaft. Weitere Zerstörungen kosteten daher doppelt: direkt durch verlorene Ware, indirekt durch den Rückfall in einen dezentraleren, ineffizienteren Handel. Andererseits könne wirtschaftlicher Schaden allein niemals das Kriegsende herbeiführen, mahnte der Ökonom. Die Angriffe würden das Leben der Menschen in Russland zwar verschlechtern, doch „Putin und sein Regime kümmert das Wohlergehen der russischen Bevölkerung nicht, weshalb sie versuchen werden, den Krieg weiterzuführen“.



