Barack Obama wird an diesem Dienstag 65 Jahre alt – und seine Partei blickt mit Wehmut auf die Ära des 44. Präsidenten. Fast zehn Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit im Januar 2017 suchen die Demokraten weiterhin nach einer Führungsfigur, die an sein Charisma und seine rhetorische Strahlkraft anknüpfen kann. Von der Ankündigung seiner Kandidatur in Springfield, Illinois, 2007 bis zum berühmten Mikrofon-Drop beim letztmaligen Dinner mit der US-Hauptstadtpresse gut neun Jahre später verstand es Obama, Menschen in seinen Bann zu ziehen – selbst jene Kritiker, die seine Politik eigentlich mit Misstrauen beobachteten.
Der Ruheständler, der nicht ruht
In einem Alter, in dem viele längst den Ruhestand genießen, bleibt Obama erstaunlich aktiv. Ein aktuelles Video zeigt ihn beim Basketballspielen mit dem Rollstuhlbasketballer Josh Turek, bei dem er zugleich Werbung für einen Demokraten aus Iowa macht, der sich um einen Sitz im US-Senat bewirbt. Auf seinen Social-Media-Kanälen versorgt Obama seine Anhänger weiterhin mit persönlichen Empfehlungen – von Songs auf seiner Spotify-Playlist bis hin zu Büchern, die ihn beschäftigen.
Ein besonderes Projekt war in diesem Jahr die Eröffnung des Obama Presidential Center in Chicago Mitte Juni. Die Ausstellung zeichnet den Weg des auf Hawaii geborenen Politikers nach: von seiner Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen in Chicago über die Gründung einer Familie mit Michelle und den Töchtern Malia und Sasha bis hin zu seiner Zeit als junger Senator und schließlich als erster afroamerikanischer Präsident der USA. Das Zentrum soll nicht nur an seine Erfolge erinnern, sondern auch eine Bildungsstätte für kommende Generationen sein.
Was bleibt: Obamas Bilanz
Die Liste seiner innen- und außenpolitischen Errungenschaften ist lang. Die Gesundheitsreform „Obamacare“ von 2010 war ein mühsamer Erfolg; außenpolitisch stehen die Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden 2011, das Atomabkommen mit dem Iran und das Pariser Klimaabkommen von 2015 im Zentrum der Erinnerung. Auch seine Auftritte in Berlin, wo Obama 2008 als Kandidat und 2013 als Präsident sprach, sind in Deutschland unvergessen.
Die Schattenseiten seiner Amtszeit verblassen dagegen zunehmend. Die Bundesregierung musste zur Kenntnis nehmen, dass der US-Geheimdienst das Telefon von Kanzlerin Angela Merkel abhörte. Das US-Militär setzte Drohnenangriffe in Pakistan ein, die später von Juristen als völkerrechtswidrig verurteilt wurden. Zudem wurden unter Obama Millionen von Menschen abgeschoben. Diese Vorfälle spielen in der öffentlichen Wahrnehmung heute nur noch eine Nebenrolle.
Ein Erbe, das schwer lastet
Obama gilt unbestritten als der letzte große Politik-Stars der Demokraten. Sein Charisma setzte Maßstäbe, die für alle Nachfolger zur Herausforderung wurden – möglicherweise sogar zu hohe. Nach Angaben von Medienberichten verloren die Demokraten während seiner acht Jahre im Amt mehr als 1.000 Sitze auf Ebene der Bundesstaaten, an Gouverneursposten oder im Kongress. Der Sender PBS formulierte es 2016 so: „Wenn Obama das Weiße Haus verlässt, hinterlässt er eine Demokratische Partei, die jahrelang in seinem Schatten stand und nun nach ihrer Identität sucht.“
Diese Identitätssuche prägt die Partei bis in die Gegenwart. Joe Biden gelang 2020 zwar der Sieg gegen Donald Trump, doch seine Amtszeit war von Zweifeln an seiner Gesundheit und fragwürdigen öffentlichen Auftritten überschattet. Sein letztlich zu spät erfolgter Rückzug aus dem Wahlkampf 2024 richtete in der Partei erheblichen Schaden an.
Die Kandidatenfrage: Wer kann Obama ersetzen?
An prominenten Köpfen mangelt es den Demokraten nicht. Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien, und Gretchen Whitmer aus Michigan gelten als aussichtsreiche Kandidaten. Auch für Kamala Harris, die ehemalige Vizepräsidentin, wird eine erneute Kandidatur spekuliert. Doch keiner von ihnen verkörpert die lässige Souveränität, die Obama auszeichnete. Ihre Auftritte wirken oft bemüht, während Obama selbst in schwierigen Situationen stets gelassen wirkte.
Jüngere Demokraten versuchen sich unterdessen an einem Außenseiter-Profil. Zohran Mamdani, der Bürgermeister von New York, wird häufig als „neuer Obama“ gehandelt. Wegen seiner Geburt in Kampala, Uganda, darf er allerdings laut Verfassung nicht zum Präsidenten gewählt werden. Zuletzt sorgte er zudem mit umstrittenen Äußerungen und Überschreitungen seiner Kompetenzen für negative Schlagzeilen. Abdul El-Sayed, der sich in Michigan um einen Senatssitz bemüht, hat die Unterstützung prominenter Parteikräfte wie Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez. Doch ob sein klar linkes Profil bei den Wählern über die Grenzen seines Bundesstaates hinaus trägt, wird stark bezweifelt.
Trump: Wut, Neid und ein Museum
Donald Trump weiß die Schwäche der Demokraten zu nutzen. Der Republikaner hat nie einen Hehl aus seiner Verachtung für die Partei – und insbesondere für Obama – gemacht. Auf dem „Presidential Walk of Fame“ bezeichnet er das von Obama geschlossene Atomabkommen mit dem Iran als „schrecklich“. Dabei verschweigt Trump, dass er selbst Monate nach dem Beginn des neuen Nahost-Konflikts keine Einigung mit Teheran erreichen konnte.
Ob Trumps Abneigung tiefer geht – oder ob er Obama heimlich beneidet, ist eine offene Frage. Bei den Angriffen auf iranische Atomanlagen im Jahr 2025 inszenierte er sich auffällig in der Pose, die Obama bei der Tötung bin Ladens gezeigt hatte. Auch einen Friedensnobelpreis würde Trump offenbar nur allzu gern entgegennehmen. Das neue Obama Presidential Center verglich er abfällig mit einer „riesigen Mülltonne“, kündigte zugleich aber an, ein eigenes Präsidentenmuseum bauen zu wollen.
Obama indes bleibt seinem Spitznamen „No Drama Obama“ treu. Zur Eröffnung seines Museums lud er alle noch lebenden früheren Präsidenten ein – nur Trump nicht. Während Trump auf Lautstärke setzt, setzt Obama auf Stil. Auch mit 65 Jahren zeigt der Mann aus Hawaii damit, wie man sich als Staatsmann positioniert – und wie weit die Demokraten von einer solchen Figur entfernt sind.



