Eine Absolventin der Eliteuniversität Berkeley, über 100 Bewerbungen, nicht eine einzige Absage – aber auch keine Einladung. Die junge Frau versteht die Welt nicht mehr. Dabei ist sie mit ihrem Frust nicht allein: Eine aktuelle CNN-Umfrage zeigt, dass nur 23 Prozent der US-Bürger die Wirtschaft für gut halten. Drei Viertel sagen, die Lage sei schlecht.
Das Erstaunliche: Die offiziellen Zahlen erzählen eine ganz andere Geschichte. Die US-Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, und an den Börsen entstehen Rekordvermögen. Selten klafften Statistik und gefühlte Wahrheit so weit auseinander wie in diesen Tagen.
Wachstum trotz Krise: Was die Statistik sagt
Für das Jahr 2026 rechnen Ökonomen mit einem Wachstum von mehr als zwei Prozent. Gemessen an den Industriestaaten ist das ein Spitzenwert. Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,2 Prozent – ein Wert, der in den USA lange als Vollbeschäftigung gegolten hat. Besonders bemerkenswert ist die Zahl der Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe: Sie fiel zuletzt auf den niedrigsten Stand seit 1969. Selbst in der Hochphase vor der Finanzkrise 2008 war die Lage nicht so günstig.
Konjunkturell könnte es den USA also kaum besser gehen. Die Arbeitsmärkte in Europa würden sich über solche Zahlen freuen. Doch die Wahrnehmung der Bürger hinkt der Realität hinterher – und das hat politische Konsequenzen.
KI-Boom: Millionenvermögen aus dem Nichts
Der sichtbarste Ausdruck des Booms ist die Börse. Nirgendwo auf der Welt wird so viel neues Vermögen geschaffen wie im US-Technologiesektor. Der kräftige Anstieg der Künstlichen Intelligenz hat die Bewertungen von Unternehmen wie SpaceX, Anthropic und OpenAI explodieren lassen. Schätzungen zufolge könnten allein die in diesem Jahr geplanten Börsengänge dieser drei Firmen rund 12.000 neue Millionäre hervorbringen.
Wer in diesen Unternehmen arbeitet, Aktien hält oder früh investiert hat, kann auf einen Schlag reich werden. Das befeuert die Fantasie. Doch es verschärft auch die Ungleichheit. Während eine kleine Gruppe von KI-Gewinnern vom Reichtum profitiert, kämpfen andere – wie die Berkeley-Absolventin – um einen Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Warum die Amerikaner trotzdem so schlecht gelaunt sind
Wie passt das zusammen? Die offizielle Ökonomie hat auf diese Frage keine einfache Antwort. Die gefühlte Wirtschaftslage wird von vielen Faktoren bestimmt: von Preisen an der Kasse, Mieten, Zinsen und der eigenen Jobperspektive. Die makroökonomischen Durchschnittswerte verbergen, dass die Gewinne ungleich verteilt sind. Hinzu kommt eine wachsende Skepsis gegenüber den Eliten – wer in den vergangenen Jahren von der Börse ausgeschlossen war, fühlt sich abgehängt.
Felix Holtermann, US-Korrespondent des Handelsblatts, beschreibt in seiner Kolumne „Inside America“ genau diesen Widerspruch. Seine Bekannte aus Berkeley ist ein Symbol für eine Generation, die trotz bester Ausbildung keinen Fuß in die Tür bekommt. „Meist kommt nicht mal eine Absage“, sagt sie – ein Satz, der die Ohnmacht vieler Jobsuchender zusammenfasst.
Der Konflikt zwischen Zahlen und Gefühl hat auch politische Sprengkraft. Wenn die Bürger die wirtschaftliche Lage so negativ sehen, während die Regierung auf Wachstum verweist, verliert die Politik an Vertrauen. Für die kommenden Wahlen dürfte die Wahrnehmung der Wirtschaft wichtiger sein als jeder Datenwert. Die Zahl von 23 Prozent Zuversicht ist nicht nur eine statistische Momentaufnahme, sondern ein Alarmsignal für das politische System.



