Das Arbeitsgericht in London hat Goldman Sachs zur Zahlung von 1,45 Millionen Pfund (rund 1,7 Millionen Euro) an den ehemaligen Manager Jon Reeves verurteilt. Das Gericht stellte geschlechtsspezifische Diskriminierung und ungerechtfertigte Kündigung fest, nachdem Reeves nach einer sechsmonatigen Elternzeit entlassen worden war.
Urteil des Arbeitsgerichts
Jon Reeves war bis 2022 als stellvertretender globaler Leiter des Compliance-Kontrollraums bei Goldman Sachs in London tätig. Nachdem er im Jahr 2021 sechs Monate Elternzeit genommen hatte, um sich um sein neugeborenes Kind zu kümmern, teilte ihm die Bank mit, dass er aufgrund „geschäftlicher Erfordernisse“ und seiner „relativen Leistung“ für eine Entlassung ausgewählt worden sei. Reeves klagte daraufhin im Jahr 2022 vor dem Arbeitsgericht in Ost-London.
Das Gericht gab Reeves recht und erklärte, die angegebenen Gründe seien nur ein Vorwand gewesen. Tatsächlich sei der Manager dafür bestraft worden, dass er Elternzeit in Anspruch genommen hatte. Die Entschädigung in Höhe von 1,45 Millionen Pfund umfasst Schadensersatz für entgangene Vergütung sowie Entschädigung für die erlittene Stigmatisierung.
Stigmatisierung im Finanzsektor
Das Gericht stellte fest, dass Reeves infolge der Kündigung im gesamten Londoner Finanzsektor stigmatisiert wurde. Potenzielle Arbeitgeber zögerten, ihn einzustellen, oder sagten Vorstellungsgespräche abrupt ab, nachdem Führungskräfte bei Goldman Sachs einen Medienbericht über seine Klage in Umlauf gebracht hatten. Diese Rufschädigung wirkte sich nachhaltig auf seine Karriere aus.
Die Anwältin von Reeves, Jo Keddie, begrüßte die Entscheidung und betonte ihre symbolische Wirkung: „Das Urteil unterstreicht die Tatsache, dass Stigmatisierungsschäden nicht nur theoretischer Natur sind“, erklärte sie. Die Bank müsse nun für die realen Folgen ihres Handelns einstehen.
Goldman Sachs verteidigt sich
Goldman Sachs erklärte in einer Stellungnahme, man sei „Marktführer im Bereich des bezahlten Elternurlaubs und ermutige alle berufstätigen Eltern, unabhängig vom Geschlecht, den ihnen angebotenen bezahlten Urlaub von 26 Wochen in vollem Umfang in Anspruch zu nehmen“. Das Gericht sah dies jedoch als Lippenbekenntnis an und wies darauf hin, dass die Unternehmenskultur der Bank Väter, die Elternzeit nehmen, faktisch bestrafe.
Details zum Fall: Anschreien und unfaire Behandlung
Im Verlauf des Verfahrens gab Reeves an, ein Vorgesetzter habe ihn wiederholt angeschrien: „Das schon irgendwie hinbekommen“, nachdem Reeves Bedenken hinsichtlich der Kinderbetreuung geäußert hatte. Der Vorgesetzte bestritt diese Darstellung. Die angeblichen Äußerungen fielen während des Covid-19-Lockdowns, als Reeves Schwierigkeiten hatte, von zu Hause aus zu arbeiten und sich gleichzeitig um sein erstes Kind zu kümmern.
Des Weiteren erklärte Reeves vor Gericht, dass Führungskräfte ihn negativ beurteilten, weil er 24 Stunden lang nicht auf eine E-Mail geantwortet hatte, während er mit seiner Frau und dem Neugeborenen auf dem Weg zum ersten Familienurlaub war. Das Gericht stellte fest, dass das „Versäumnis der Bank, auch nur den Anschein eines fairen Verfahrens zu wahren, so umfassend war, dass ihr Vorgehen in jeder Hinsicht unfair war“.
Folgen des Urteils
Das Urteil könnte weitreichende Folgen für die Unternehmenskultur im Finanzsektor haben. Es sendet ein klares Signal, dass Diskriminierung von Vätern in Elternzeit nicht toleriert wird und teuer werden kann. Experten erwarten, dass weitere ähnliche Klagen folgen könnten, da viele Unternehmen zwar großzügige Elternzeitregelungen anbieten, aber eine informelle Bestrafung von Männern, die diese nutzen, weit verbreitet ist.



