Sachsen: Firmen sind bei der Azubi-Auswahl zurückhaltender
Sachsen: Firmen bei Azubi-Auswahl zurückhaltender

Ein langanhaltender Trend auf dem sächsischen Ausbildungsmarkt ist gebrochen: Unternehmen stellen nicht mehr automatisch ein, nur um eine Stelle zu besetzen. Wer nicht hundertprozentig überzeugt, hat zunehmend das Nachsehen. Diese Entwicklung bestätigt Torsten Köhler, Geschäftsführer des Bereichs Bildung bei der IHK Dresden, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Wir stellen eine neue Tendenz fest. Unternehmen sagen: Wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher bin und ein Kandidat nicht hundertprozentig passt, dann halte ich lieber Abstand", so Köhler.

Warum Betriebe bei der Auswahl wieder genauer hinschauen

Lange Zeit hatten viele Unternehmen auch Bewerber eingestellt, die nicht ideal qualifiziert waren, und versucht, vorhandene Defizite während der Lehrzeit auszugleichen. Diese Bereitschaft zu Experimenten ist laut Köhler deutlich gesunken. Dafür gibt es mehrere Gründe: In den vergangenen Jahren habe es immer wieder Schwierigkeiten während der Ausbildung gegeben, und mancher Auszubildende habe vorzeitig aufgegeben. Zudem sind die Betriebe heute weniger stark darauf angewiesen, jede Stelle zu besetzen. „Dieser unmittelbare Drang, wie das noch vor einigen Jahren war, die Plätze unbedingt zu besetzen und die Leute irgendwie zum Abschluss bringen, weil sie unbedingt gebraucht werden, ist weg", erklärt Köhler.

Rückgänge im produzierenden Gewerbe – besonders in der Autoindustrie

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres verzeichnet die IHK zu Leipzig vor allem im produzierenden Gewerbe weniger neue Ausbildungsplätze. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen halten sich zurück. „Hier sind viele Unternehmen angesichts der angespannten wirtschaftlichen Entwicklung vorsichtiger geworden und stellen weniger Auszubildende ein", sagt Sprecher Carsten Wurtmann. Auch IHK-Bildungsgeschäftsführer Köhler berichtet von deutlichen Rückgängen in der strauchelnden Automobilindustrie in Südwestsachsen. Wer dort einen Einstieg sucht, hat es aktuell schwerer. „Wer dort einsteigen will, der hat es natürlich dann dort schwieriger", so Köhler. Auch im Raum Leipzig seien die Zahlen rückläufig. Viele Unternehmen zeigten sich mit ihren Ausbildungsverträgen sehr verhalten. Die Planung richte sich nach den Betriebsaussichten und der Personalstruktur – und folge damit direkt der wirtschaftlichen Entwicklung.

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Langfristige Planung unter Unsicherheit

Die Entscheidung über eine Lehrstelle fällt lange im Voraus: Etwa ein Jahr vor Ausbildungsbeginn steht fest, ob ein Betrieb einen neuen Azubi einstellt. Die Ausbildung selbst dauert drei Jahre, und bei größeren Unternehmen schließt sich ein Jahr Weiterbeschäftigungspflicht an. Insgesamt müssen Betriebe also fünf Jahre vorausdenken. Genau daran fehlt es derzeit. „Die Lage ist aktuell aber so unsicher, dass die Unternehmen nicht wissen, wie es im nächsten halben Jahr oder im nächsten Jahr aussieht. Da sind sie natürlich vorsichtig", erklärt Köhler.

Trotz Zurückhaltung: Gesamtzahl der Ausbildungsverträge stabil

Trotz aller Unsicherheiten geht die Zahl der neuen Auszubildenden in Sachsen insgesamt nicht zurück. Bei der IHK Dresden haben bislang 3.600 junge Menschen einen Vertrag unterzeichnet. In den kommenden Wochen werden nach Schätzung von Köhler noch etwa 1.000 weitere dazukommen. Damit bleibt das Niveau des Vorjahres erreicht.

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Chip-Industrie wird zum Motor auf dem Ausbildungsmarkt

Während die Autoindustrie spart, erlebt die Mikrochip-Branche in Dresden einen regelrechten Ausbildungsboom. Das Unternehmen ESMC, ein Gemeinschaftsunternehmen des taiwanischen Chipherstellers TSMC mit Bosch, Infineon und NXP, ist vor dem Produktionsstart im neuen Werk im Sommer 2027 intensiv auf der Suche nach Auszubildenden. Bereits seit einem Jahr bildet ESMC aus. „In den nächsten drei bis vier Jahren werden sie ihre Ausbildungszahlen immer verdoppeln, bis sie einen gewissen Mitarbeiterstamm haben, zu dem übergangsweise auch Fachkräfte aus Taiwan gehören, um die Firma einzurichten", sagt Köhler. Auch die bereits ansässigen Unternehmen Infineon und Global Foundries stellen nach ihren Produktionserweiterungen verstärkt ein. Bei Infineon kommt hinzu, dass in den nächsten sieben Jahren rund 1.000 Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Diese Stellen müssen ersetzt werden. „Sie haben schon im letzten und vorletzten Jahr verstärkt die Ausbildungszahlen erhöht, sodass das auf einem ziemlich hohen Niveau ist", so Köhler.

Ostsachsen stabil – kaufmännische Berufe im Aufwind

In Ostsachsen bleibt der Ausbildungsmarkt stabil. In Görlitz, Bautzen und der Lausitz haben die Betriebe laut Köhler keine Schwierigkeiten, genügend junge Menschen für ihre ausgeschriebenen Stellen zu finden. Die Zahl der neuen Verträge bewegt sich auf dem Niveau der vergangenen Jahre. Im Kammerbezirk Leipzig gibt es sogar mehr angehende Auszubildende als 2025. Besonders gefragt sind kaufmännische Ausbildungen: Industriekaufleute, Immobilienkaufleute und Kaufleute für Büromanagement liegen sowohl bei Bewerbern als auch bei Unternehmen im Trend. Deutlich mehr junge Menschen starten zudem eine Ausbildung als Berufskraftfahrer – trotz hoher Ausbildungskosten und Hürden wie der Altersgrenze, berichtet Wurtmann. In Handel und Gastgewerbe bleibt die Nachfrage nach Nachwuchskräften hoch, die Suche nach Bewerbern ist jedoch anspruchsvoll. Die Zahlen bleiben hier stabil im Vergleich zum Vorjahr.