Siesta in Deutschland: Experten uneins über Hitzeschutz am Arbeitsplatz
Siesta in Deutschland: Experten uneins über Hitzeschutz

Mit jedem Grad über 30 Grad Lufttemperatur sinkt die Produktivität in Deutschland um durchschnittlich drei Prozent. Gleichzeitig steigen die Krankschreibungen um bis zu sechs Prozent während längerer Hitzewellen. Wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe drohen. Viele fordern daher eine Anpassung der Arbeitszeiten – etwa durch eine Siesta. Doch die Meinungen der Experten gehen auseinander.

Wirtschaftliche Folgen der Hitze

Der Versicherungskonzern Allianz Trade hat berechnet, dass wiederkehrende Hitzewellen die deutsche Wirtschaft bis 2030 rund 112 Milliarden Euro kosten könnten. Die Produktivität sinkt pro zusätzlichem Grad Celsius über 30 Grad im Schnitt um etwa drei Prozent, während die Energiekosten durch höheren Kühlbedarf um rund 1,2 Prozent je Grad steigen würden. Auch die Politikwerkstatt „Klima wandelt Arbeit“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bestätigt: An Tagen mit über 30 Grad steigen Krankschreibungen um rund 3,5 Prozent, bei längeren Hitzewellen um bis zu 6 Prozent.

Siesta als Modell aus Südeuropa

Die Volkswirtin Katharina Utermöhl von der Allianz sieht dringenden Handlungsbedarf. Deutschland sei im internationalen Vergleich nicht ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet, sagt sie. Während südliche Länder wie Spanien oder Griechenland Hitze seit Jahrzehnten in Stadtplanung, Bauweise und Arbeitsalltag berücksichtigten, befinde sich Deutschland in einer „gefährlichen Mittelzone“. Die Siesta sei „kein Mittagsschläfchen, sie ist Risikomanagement“, so Utermöhl. Unternehmen, die Arbeitszeiten an hohe Temperaturen anpassten, schützten die Produktivität der Beschäftigten und nachhaltig ihren Marktwert. Für Deutschland bedeute das vor allem, Arbeitszeitmodelle flexibler zu gestalten: früh anfangen, die Mittagshitze meiden, den Arbeitstag entsprechend strukturieren.

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Skeptische Gewerkschaften

Deutlich zurückhaltender reagieren die Gewerkschaften auf pauschale Modelle wie eine Siesta-Regelung. „Es braucht branchenspezifische Lösungen“, betont Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Arbeitszeitverlagerungen in kühlere Stunden könnten helfen, seien aber nicht überall praktikabel. Der DGB betont die Verantwortung der Arbeitgeber für Hitzeschutz am Arbeitsplatz. „Wer das ignoriert, gefährdet die Gesundheit seiner Beschäftigten“, sagt Piel. Die Debatte über die Reform des Arbeitszeitgesetzes verschärft den Konflikt zusätzlich. Geplant ist, den bisherigen Acht-Stunden-Tag stärker durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen. Gewerkschaften warnen vor einer Aufweichung von Schutzstandards. „Es ist unredlich, dass das Thema Hitzeschutz jetzt von Arbeitgebern missbraucht wird, um eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes durchzudrücken“, so Piel.

Langfristige Lösungen gefragt

Neben kurzfristigen Arbeitszeitmodellen hält Utermöhl auch langfristige bauliche Maßnahmen für nötig. Viele europäische Gebäude seien historisch auf Wärmespeicherung ausgelegt und verstärkten damit die Hitzebelastung. Helle Fassaden und Dächer, Verschattung sowie begrünte Flächen könnten die Aufheizung deutlich reduzieren. Solche Maßnahmen seien jedoch nur langfristig umsetzbar. „Es ist ja im Sinne der deutschen Wirtschaft. Länder, die das schneller umsetzen, sind in Zukunft wirtschaftlich im Vorteil. Wer heute nicht investiert, der zahlt morgen drauf“, sagt die Volkswirtin. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfiehlt einen Maßnahmen-Mix aus Technik, Organisation und persönlichem Verhalten. Arbeitszeiten sollten, wenn möglich, angepasst werden, „hierzu zählt auch die Nutzung von Gleitzeitregelungen zur Arbeitszeitverlagerung“, rät die Behörde.

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