Bei der Tour de France sorgen nächtliche Dopingkontrollen für Wirbel. Die Topstars Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard wurden in den frühen Morgenstunden geweckt, auch der deutsche Fahrer Florian Lipowitz erhielt späten Besuch. Während die International Testing Agency (ITA) die Maßnahmen als notwendig verteidigt, kritisieren Fahrer und Verbände die Praxis als unmenschlich und respektlos.
Nächtliche Kontrollen bei Pogacar und Vingegaard
Der slowenische Spitzenreiter Tadej Pogacar wurde um 5.00 Uhr morgens getestet, der nach einem Sturz ausgeschiedene Däne Jonas Vingegaard sogar um 2.00 Uhr nachts. Ein Pariser Gericht hatte die nächtlichen Kontrollen auf Antrag der ITA genehmigt – ein bemerkenswerter Vorgang, da es sich um die erste Anwendung der 2015 in französisches Recht eingeführten Bestimmungen handelt, wie die französische Sportzeitung „L'Equipe“ berichtete.
Pogacar mutmaßte, dass bei Vingegaard nach dem nächtlichen Besuch womöglich die Konzentration gefehlt habe, was zu dessen Sturz beigetragen haben könnte. Vingegaard erlitt einen Schlüsselbeinbruch. Der Aufschrei im Fahrerlager war groß: „Unmenschlich“, „Schande“ und „Respektlos“ lauteten die Reaktionen.
Tests auch bei Lipowitz und weiteren Teams
Der deutsche Fahrer Florian Lipowitz vom Red-Bull-Team wurde um 22.00 Uhr kontrolliert – noch innerhalb der reglementierten Zeiten zwischen 6.00 Uhr und 23.00 Uhr. Auch die Teams Decathlon um den französischen Jungstar Paul Seixas, Groupama, Picnic PostNL, Jayco-AlUla und Bahrain-Victorious wurden am Montagabend aufgesucht. Bislang gab es bei der Tour keinen positiven Dopingfall – der letzte lag elf Jahre zurück, als der Italiener Luca Paolini positiv getestet wurde.
Red-Bull-Teamchef Ralph Denk zeigte Verständnis: „Primär haben wir eine schwarze Vergangenheit im Radsport und deswegen ist es gut, dass hier kontrolliert wird. Dass tief in der Nacht kontrolliert wird, das gibt das Reglement her“, sagte Denk dem ZDF. „Es sorgt dafür, dass unser Sport glaubhaft ist, dass er sauber ist und deswegen gehört es auch dazu.“
Unterstützung von Vaughters, Kritik von Fahrervereinigung
Der ehemalige Dopingsünder und heutige Radsport-Manager Jonathan Vaughters begrüßte die nächtlichen Tests. „2-Uhr-nachts-Tests sind eine der effektivsten Methoden, um das Mikrodosieren von Peptiden (EPO, hGH) und Testosteron zu verhindern“, schrieb Vaughters auf X. „Hätte die UCI uns 2001 um 2 Uhr nachts getestet? Wir wären alle suspendiert worden und hätten dem Sport 25 Jahre Drama erspart.“ Er räumte ein: „Es ist bedauerlich, dass Tadej und Jonas für den Scheiß büßen müssen, den wir verbrochen haben. Allerdings würde ich ein paar schlaflose Nächte für etwas gewonnene Glaubwürdigkeit in Kauf nehmen.“
Die Fahrer-Vereinigung CPA hingegen kritisierte die Praxis: Man unterstütze zwar den Kampf gegen Doping, doch die derzeitige Praxis beeinträchtige Erholung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Athleten.
Hintergründe: Suche nach Wachstumshormonen
Der belgische Radprofi Oliver Naesen, der nicht bei der Tour fährt, berichtete im Podcast der belgischen Zeitung „Het laatste Nieuws“ über mögliche Hintergründe: „Es gibt Dopingmittel, die nur etwa drei Stunden im Blutkreislauf verbleiben. Ich habe gehört, dass sie nach Wachstumshormonen suchen. Das höre ich zum ersten Mal – die Jagd nach Wachstumshormonen.“ Naesen ergänzte: „Wenn es tatsächlich Dopingmittel gibt, die nur drei Stunden im Blut bleiben, könnte das verlockend sein. Anti-Doping-Agenturen müssen natürlich in kritischen Momenten testen. Und doch habe ich keinerlei Kenntnis davon, dass es im Peloton Doping gibt.“
Kontrollen um 2.00 Uhr nachts seien extrem, so Naesen: „Ich finde, es muss Grenzen geben, was man einem Athleten zumuten kann. Dopingtests gehören natürlich dazu, aber Tests mitten in der Nacht habe ich noch nie erlebt.“
ITA rechtfertigt Vorgehen
Die ITA verteidigte ihr Vorgehen. Ihr sei bewusst, dass nächtliche Kontrollen die Ruhe und Erholung der Radrennfahrer beeinträchtigen können. „Die ITA trägt jedoch im Auftrag der UCI (Radsport-Weltverband) die Verantwortung dafür, die Wirksamkeit des Anti-Doping-Programms im Radsport sowie die Integrität der Radrennen zu gewährleisten“, teilte die ITA der Nachrichtenagentur AP mit.



