Audi-Werk Neckarsulm vor Rettung: Kapazitätsreduktion und Stellenabbau geplant
Audi-Werk Neckarsulm: Kapazitätsreduktion und Stellenabbau

Die Sparpläne von Volkswagen-Chef Oliver Blume bedrohen das Audi-Werk in Neckarsulm, doch hinter den Kulissen zeichnet sich ein möglicher Rettungsplan ab. Insidern zufolge wird eine drastische Reduktion der Produktionskapazität von derzeit 225.000 auf 150.000 Einheiten pro Jahr erwogen – eine Halbierung gegenüber 2019, als Audi die Kapazität bereits von 300.000 auf 225.000 gesenkt hatte. Im vergangenen Jahr fertigte Audi in Neckarsulm rund 180.000 Fahrzeuge. Ergänzend könnte der Abbau von Doppelstrukturen in Verwaltung und Entwicklung etwa 1.000 Arbeitsplätze kosten. Diese Maßnahmen, so hoffen die Beteiligten, könnten das 57 Jahre alte Werk retten.

Hintergrund der Krise: Blumes Sparprogramm und die Folgen

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns, hatte Anfang Juli dem Aufsichtsrat ein massives Kostensenkungsprogramm präsentiert. Rein rechnerisch würde dies den Abbau von 55.000 bis 70.000 Mitarbeitern und die Schließung von vier Werken bedeuten. Neben Neckarsulm stehen die VW-Standorte Zwickau, Emden und Hannover auf der Kippe. Die Dimensionen des Personalabbaus waren bereits vor der Sitzung durchgesickert und hatten für heftige Kontroversen gesorgt. Im Aufsichtsrat wurde Blumes Plan mit sieben zu fünf Stimmen abgelehnt – die Fronten zwischen Arbeitnehmern und Kapitalseite sind verhärtet wie selten zuvor.

Neckarsulm: Keine Elektroautos und rückläufige Perspektiven

Anders als das Hauptwerk in Ingolstadt produziert Neckarsulm bislang keine Elektrofahrzeuge. Vom Band laufen dort die Modelle A5, A6, A7 und A8. Während der Elektroflaute zwischen 2022 und 2024 war dies ein Vorteil, doch mit der seit 2025 wieder steigenden Nachfrage nach E-Autos, vor allem im Flottenbereich, hat sich die Lage verschlechtert. Wirtschaftlich dürfte es sich kaum lohnen, das Werk nach 2034 für neue Verbrennermodelle umzurüsten. Daher suchen Arbeitnehmervertreter nun nach Elektromodellen, die zeitnah in Neckarsulm gefertigt werden könnten.

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Doppelstrukturen und mögliche Einsparungen

Ein zentraler Ansatz zur Rettung des Standorts ist der Abbau von Doppelstrukturen in nicht produzierenden Bereichen. Audi hatte sich in guten Zeiten eine umfangreiche Personalausstattung gegönnt: So verfügen Neckarsulm und Ingolstadt jeweils über eigene Personal- und Buchhaltungsabteilungen. In Neckarsulm gibt es sogar eine kleine technische Entwicklung mit rund 600 Mitarbeitern. Insider schätzen, dass allein durch die Zusammenlegung dieser Abteilungen etwa 1.000 Arbeitsplätze eingespart werden könnten. Zudem soll dauerhaft auf Leiharbeiter verzichtet werden.

Ingolstadt könnte helfen: Kapazitätssenkung auch im Hauptwerk

Um die Betriebskosten von Audi insgesamt zu senken, prüfen die Verantwortlichen, ob auch im Hauptwerk Ingolstadt die Produktion von derzeit 450.000 auf unter 400.000 Fahrzeuge reduziert werden kann. Sollten sowohl in Neckarsulm als auch in Ingolstadt die Kapazitäten sinken, würde sich die deutsche Audi-Produktion innerhalb von weniger als zehn Jahren nahezu halbieren. Vor dem Sparpaket 2019 konnten hierzulande bis zu 900.000 Fahrzeuge gefertigt werden, künftig wären es kaum mehr als eine halbe Million.

Kritik an Volkswagen: Audi als „Sponsor“ der VW-Produktion

Ein ranghoher Entscheider bei Audi beklagt die Schieflage: „Wir sponsern Volkswagen bei der Produktion mit etwa 150.000 Fahrzeugen jährlich.“ Tatsächlich lässt Audi den kompakten Elektro-SUV Q4 e-tron im VW-Werk Zwickau sowie die Verbrenner-SUVs Q7, Q8 und künftig den Q9 im VW-Werk Bratislava bauen. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt mehr als 160.000 Audi-Fahrzeuge in VW-Werken gefertigt. Der Entscheider argumentiert: „Audi hat im Gegensatz zu VW zudem mit Brüssel ein Werk geschlossen. Auch beim Personal sind bereits Maßnahmen ergriffen worden. Wenn es ums Sparen geht, sind jetzt andere an der Reihe.“

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Porsche-Sparkompromiss als Vorbild? Druck auf Kapitalseite wächst

Befürworter eines milderen Sparkurses fühlen sich durch den jüngsten Kompromiss bei Porsche bestärkt. Porsche-Chef Michael Leiters hatte einen Kostensenkungsplan vorgelegt, der den Abbau von 5.000 Arbeitsplätzen vorsieht, aber gleichzeitig weitreichende Job- und Standortgarantien bis 2035 beinhaltet – und der vom Porsche-Aufsichtsrat gebilligt wurde. Dieser Sparkompromiss bringt nun die Kapitalseite im VW-Konzern in Bedrängnis. Insbesondere die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch pochen auf Werksschließungen. „Die Familie befürchtet, dass das Beispiel Porsche Nachzieheffekte bei anderen Marken im VW-Konzern auslösen könnte“, sagt eine der Familie nahestehende Person.

Ausblick: Heißer Herbst für Neckarsulm

Mit einer zeitnahen Entscheidung zur Zukunft von Neckarsulm rechnet niemand. Der nächste Showdown ist für den 4. September terminiert, wenn bei Volkswagen eine Aufsichtsratssitzung stattfindet. Mitte September folgt die turnusmäßige Sitzung bei Audi. Ein Entscheider bei den Ingolstädtern bereitet sich vor: „Jetzt sind Werksferien. Aber wenn die enden, rechne ich mit einem sehr heißen Herbst.“