Der Fall des Topsprinters Owen Ansah hat das System der unangekündigten Dopingkontrollen in den Fokus gerückt. Der 25-jährige Athlet des Hamburger SV verweigerte eine Probe, weil er unter Zeitdruck zum Flughafen musste – ein Fehler, der ihm nun eine mehrjährige Sperre einbringen könnte. Denn Ansah gehört dem Registered Testing Pool (RTP) an, für den die strengsten Regeln der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gelten. Die Deutsche Presse-Agentur beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem System.
Wie läuft eine unangekündigte Dopingkontrolle ab?
Die Nada kann jedes Mitglied ihres Testpools jederzeit und überall auf verbotene Substanzen testen. Üblich sind Blutkontrollen (Serum- und Vollblutprobe), Urinkontrollen und die Abnahme von Dried-Blood-Spot-Proben (DBS), also Trockenblutspots. Diese minimalinvasiven Tests werden seit September 2021 durchgeführt: Ein kleiner Stich in die Fingerbeere oder den Oberarm genügt, dann werden ein paar Blutstropfen auf einem Filterpapier aufgefangen und getrocknet. Die Kontrolle erfolgt geschlechtergetrennt – Frauen kontrollieren Frauen, Männer kontrollieren Männer.
Woher wissen die Kontrolleure, wo sie die Sportler finden?
Die Athleten sind zur intensiven Datenpflege verpflichtet. Orts- und Zeitangaben müssen auf dem neuesten Stand sein – das gilt auch für Urlaub, Arbeit oder Schule. Zudem müssen RTP-Athleten für jeden Tag ein einstündiges Testzeitfenster zwischen 6 und 23 Uhr angeben, in dem sie für eine Kontrolle zur Verfügung stehen. „Das Prozedere zur Umsetzung von Dopingkontrollen ist weltweit standardisiert“, erklärt Eva Bunthoff, Leiterin des Ressorts Doping-Kontroll-System bei der Nada.
Warum gibt es unangekündigte Dopingkontrollen?
Der Überraschungseffekt verhindert, dass sich dopende Sportler auf die Kontrollen vorbereiten können. „Es gibt Substanzen, die nicht lange nachweisbar sind“, so Bunthoff. Zudem geht es nicht mehr nur um die Stunden vor dem Wettkampf: „Vor allem geht es mittlerweile darum, dass Sportler ihre Regenerationsphasen verkürzen, etwa nach Verletzungen.“
Welche Konsequenzen hat das Verpassen einer Kontrolle?
Wer einen Kontrolltermin verpasst, etwa weil die Aufenthaltsdaten nicht aktuell sind, riskiert einen sogenannten Strike. Laut Bunthoff gab es im vergangenen Jahr rund 500 Anhörungen zu möglichen Meldepflicht- und Kontrollversäumnissen. Jeder Fall wird dokumentiert, führt aber nicht immer zu einem Strike. 2025 endeten etwa 300 der 500 Anhörungen mit einem Strike. Erst bei drei Strikes wird es ernst.
Was passiert bei drei Strikes?
Dann kann ein Ergebnismanagement-Verfahren wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Anti-Doping-Bestimmungen eingeleitet werden. „Von diesen rund 300 Strikes führen im Jahr rund zwei bis drei Fälle zu einem Verfahren, aufgrund von drei Meldepflicht- und Kontrollversäumnissen innerhalb von zwölf Monaten“, sagt Bunthoff. Dabei werden alle drei Strikes erneut untersucht. Vor einem solchen Verfahren steht etwa Fußball-Nationalspielerin Laura Freigang.
Welche Folgen hat die Verweigerung einer Kontrolle?
Wenn ein Athlet zu einer Dopingkontrolle aufgefordert wurde, muss diese nach den Wada-Vorgaben durchgeführt werden. „Eine Abweichung davon gilt als möglicher Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen“, betont Bunthoff. Wer sich einer Kontrolle entzieht wie Ansah, muss eine Sperre fürchten. Bunthoff berichtet von einem kuriosen Fall: Ein Kontrolleur kam zu einer Uni-Prüfung, um den Athleten zur Dopingkontrolle aufzufordern – der Athlet hatte vergessen, die Information der Nada mitzuteilen.
Wie erleben Topathleten solche Kontrollen im Alltag?
In Hintergrundgesprächen wird auf den Aufwand der Datenpflege hingewiesen. Pragmatisch sieht es Speerwurf-Europameister Julian Weber: „Das gehört einfach dazu zum Profisportler-Dasein. Es ist richtig und wichtig, dass das umgesetzt wird.“ Er habe aber auch mal einen Strike kassiert, weil sein Handy ausgeschaltet war und die Klingel nicht funktionierte. „Aber das ist alles lösbar. Ich gebe da immer frühmorgens meine Stunde an, und ich bin dann auch da.“ Dafür stellt er sich den Wecker.
Kann ein Athlet mehrmals am selben Tag kontrolliert werden?
Ja, das ist möglich. Weber berichtet von einem Tag, an dem Kontrolleure der Nada und der Wada genau zum gleichen Zeitpunkt bei ihm auftauchten – er sei verwirrt gewesen. „Es kann auch mal passieren, dass man an einem Tag zwei unterschiedliche Kontrollen hat“, einmal Urin-, einmal Blutkontrolle. Manchmal kämen die Kontrolleure alleine, manchmal zu zweit, selten auch zu dritt. Die Tests variieren: Mal wird Blut und Urin getestet, mal nur Urin.
Wie groß ist der Aufwand hinter dem Kontrollsystem?
Die Nada verfügt nicht über eigenes Kontrollpersonal. Sie arbeitet mit zwei spezialisierten Unternehmen zusammen: Professional Wordwide Controls (PWC) bei München und das International Doping Test and Management (IDTM) in Stockholm. Weltweit stehen der Nada rund 400 Kontrolleure zur Verfügung, sodass Tests im Ausland problemlos möglich sind.



