Das Ringen um die Zukunft von Volkswagen geht in die nächste Runde. Der Aufsichtsrat des Konzerns hat das vom Vorstand vorgelegte Sparpaket am Donnerstag abgelehnt, wie die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Konzernkreise berichtet. Dennoch hält Konzernchef Oliver Blume an der „umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte“ fest. Die jüngsten Absatzzahlen untermauern den Handlungsdruck: Weltweit verkaufte VW im zweiten Quartal 2,08 Millionen Fahrzeuge, ein Rückgang von fast 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Aufsichtsrat blockiert Sparpaket
Laut dem Bericht stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen gegen das Maßnahmenbündel. Da ein Sitz der Kapitalseite derzeit unbesetzt ist, verfügen Arbeitnehmer und Niedersachsen gemeinsam über eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen im Aufsichtsrat. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte bereits im Vorfeld klargestellt, dass das Land keine Werksschließungen als „vermeintlich einfache Lösung“ akzeptieren werde.
Volkswagen selbst äußerte sich am Freitag nicht zu den Abstimmungsdetails. Blume betonte jedoch, der Vorstand treibe die Transformation weiter voran. „Mit unserem Zukunftsplan stellen wir den Konzern auch in einem global massiv herausfordernden Umfeld noch robuster und wettbewerbsfähiger auf“, sagte er.
Vorstand plant radikalen Umbau
Blume spricht von der „umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte“. Der Vorstand übernehme damit „Verantwortung für die nachhaltige Zukunft des Unternehmens – in einer Zeit, in der die Automobilindustrie weltweit stark unter Druck steht“. Direkt nach der Aufsichtsratssitzung kündigte er an, Überkapazitäten abbauen zu wollen. Konkret soll die Modellpalette um die Hälfte schrumpfen, die Zahl der Ausstattungsvarianten sogar um drei Viertel.
Finanzvorstand Arno Antlitz erläuterte die Strategie: Man wolle weiter in Elektroautos und Software investieren, „gleichzeitig unsere Verbrennerfahrzeuge technologisch wettbewerbsfähig halten und unsere Präsenz auf den großen Weltmärkten stärken“. Dafür müsse der Konzern konsequent Kosten senken, Konzernsynergien heben und Komplexität reduzieren. „Der Zukunftsplan ist dafür ein starker Hebel“, so Antlitz.
Betriebsrat stellt Ultimatum
Die konkreten Inhalte des abgelehnten Sparpakets sind bislang nur aus Medienberichten bekannt. Laut „Manager Magazin“ könnten bis zu 100.000 Stellen weltweit wegfallen – doppelt so viele wie bisher geplant. Die „Bild“-Zeitung spricht sogar von 120.000. Zudem seien vier deutsche Werke von Schließung bedroht: Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk in Neckarsulm.
Die mangelnde Transparenz verärgert die Arbeitnehmervertreter. Der Betriebsrat hat der Konzernspitze ein Ultimatum gestellt: Bis Freitag soll der Vorstand der Belegschaft gegenüber Stellung beziehen und sich unmissverständlich zu den Gerüchten äußern. Bereits am Donnerstag gab es zahlreiche Protestaktionen.
Ein VW-Sprecher ließ sich durch das Ultimatum nicht unter Druck setzen. Man stehe „im regelmäßigen Austausch mit unseren Mitarbeitenden und den Arbeitnehmervertretungen“. Der Vorstand informiere fortlaufend, unter anderem über das interne Mitarbeiterportal und eine Mitarbeitenden-App. Die Arbeitnehmerseite hingegen nannte die Kommunikation in einem gemeinsamen Brief von Konzernbetriebsrat und Führungskräftevertretung VMA „beschämend“.
Absatzzahlen verschlechtern sich drastisch
Die aktuellen Absatzzahlen verdeutlichen die Schieflage. Im zweiten Quartal verkaufte VW weltweit 2,08 Millionen Autos, ein Minus von fast 9 Prozent. Der Rückgang beschleunigt sich damit: Im ersten Quartal hatte das Minus noch bei 4 Prozent gelegen. Besonders stark fiel der Einbruch in China aus: Dort brachen die Verkäufe um mehr als ein Drittel auf nur noch 424.300 Fahrzeuge ein.
Die deutschen Kernmarken leiden besonders. Bei der Kernmarke Volkswagen gingen die Auslieferungen um 14 Prozent auf 1,02 Millionen Fahrzeuge zurück. Porsche verzeichnete ein Minus von 18 Prozent auf 61.300 Fahrzeuge. Audi meldete einen Rückgang von gut 8 Prozent auf 367.000 Autos – vor drei Jahren waren es im zweiten Quartal noch fast eine halbe Million. Positive Zahlen gab es dagegen von der tschechischen Tochter Skoda, die ihren Absatz um knapp 5 Prozent auf 284.000 Autos steigern konnte.
Branche unter Druck
Auch andere deutsche Autokonzerne leiden unter der Schwäche in China. BMW und Mercedes kamen mit Rückgängen von 5 beziehungsweise 6 Prozent etwas glimpflicher davon. Die deutsche Autoindustrie sorgt sich zudem vor zunehmender Konkurrenz aus China auf dem europäischen Markt. Angesichts des schwachen Marktumfelds in der Volksrepublik versuchen chinesische Hersteller verstärkt, ihre Autos im Ausland abzusetzen – zuletzt machten sie sich mit Plug-in-Hybriden in Italien, Spanien und Großbritannien breit.



