Frankfurt. Der Traum von den eigenen vier Wänden ist für viele mit Geduld verbunden. Die Immobilienfinanzierung gilt als komplex und zeitaufwendig. Oft entsteht ein Teufelskreis: Ohne Kredit keine Immobilie, aber den Kredit gibt es erst mit der Zusage für die Kaufimmobilie. Zwei deutsche Banken wollen diesen Prozess nun mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) deutlich vereinfachen und beschleunigen.
Digitale Dokumentenprüfung in Minuten
Die Direktbank ING Deutschland und der Immobilienfinanzierungsberater Interhyp werben mit einem stark automatisierten Antragsvorgang. Statt tagelang Unterlagen zusammenzusuchen, können Kunden sich am heimischen Rechner einloggen und eine automatische Dokumentenprüfung starten. Anfragen werden volldigital erfasst, eingereicht und automatisiert bearbeitet. Beide Unternehmen versprechen eine verbindliche Entscheidung innerhalb von Minuten, statt wie früher Tagen oder Wochen.
Weniger Aufwand für Kunden
Besonders verlockend ist der reduzierte Aufwand. Bisher müssen Gehaltsnachweise, Wohnflächenberechnungen und Flurkarten mühsam zusammengesucht werden. KI soll diesen Prozess digitalisieren. Laut einer Interhyp-Sprecherin ermittelt die KI aus amtlichen und öffentlichen Datenquellen wesentliche Objektinformationen wie Wohnfläche, Grundstücksgröße und Baujahr – einen digitalen Zwilling. Diese Daten werden automatisch mit den Angaben im Antrag abgeglichen. Bei Bedarf bleibt der Kontakt zu menschlichen Beratern erhalten.
Automatisierte Bonitätsprüfung
Teil der schnellen Bewilligung ist eine digitale Bonitätsprüfung. Diese ermöglicht früh im Beratungsprozess ein verbindliches Votum. Allerdings müssen Kunden einem externen Dienstleister Einblick auf ihr Konto gewähren. Der Servicepartner ist von der Finanzaufsicht Bafin zugelassen und geprüft.
Ausweitung geplant
Sollte sich der Service bewähren, plant die ING eine Ausweitung, beispielsweise auf Anschlussfinanzierungen. Viele Kunden müssten den Prozess nach einigen Jahren nahezu vollständig neu durchlaufen, obwohl viele Informationen bereits vorliegen.
Zugang zunächst eingeschränkt
Noch ist die schnelle Bearbeitung nur für einen kleinen Teil der Interessenten zugänglich. Kurzfristig erwarten beide Anbieter, etwa 15 bis 20 Prozent der Finanzierungen volldigital bearbeiten zu können. Das Angebot gilt zunächst nur für bestehende Reihenhäuser, Doppelhaushälften sowie Ein- oder Zweifamilienhäuser, die selbst genutzt oder vermietet werden. Neubauten, Eigentumswohnungen oder Mehrfamilienhäuser sind noch nicht erfasst. Eine Lösung für Eigentumswohnungen wird entwickelt.
Marktposition und internationale Vergleiche
Nach eigenen Angaben sind ING und Interhyp mit ihrer „Instant-Baufinanzierung“ bislang die einzigen auf dem deutschen Markt. Im Ausland, vor allem in den USA, sind automatisierte Kreditwürdigkeitsprüfungen bereits verbreiteter. Verbraucherschützer sehen volldigitale Bonitätsbewertungen mit Skepsis, da Algorithmen bestehende Diskriminierungen verstärken könnten.
Kunden stehen KI offen gegenüber
ING-Deutschlandchef Lars Stoy sieht großes Potenzial für digitale und KI-gestützte Lösungen im Bankwesen. Eine Yougov-Umfrage im Auftrag der ING ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten sich eine rein digitale, KI-gestützte Beratung vorstellen kann. 41 Prozent können sich KI-Support bei alltäglichen Bankfragen vorstellen, 33 Prozent bei der Produktsuche. Knapp jeder Fünfte würde KI bei der Vorbereitung komplexer Entscheidungen nutzen. Allerdings bleibt der Faktor Mensch wichtig: 72 Prozent vertrauen einer KI-gestützten Beratung nur, wenn sie jederzeit zu einem menschlichen Ansprechpartner wechseln können. Diese Erfahrung zeigt sich auch bei anderen Anbietern: Der Neobroker Trade Republic hatte seinen Kundenservice nach massiven Beschwerden neu aufgesetzt und bietet wieder einen Rund-um-die-Uhr-Telefon-Support mit geschulten Service-Agenten an.



