Die EU-Kommission will den Emissionshandel im Luftverkehr erstmals auf Flüge außerhalb Europas ausweiten. Ab 2029 sollen alle Abflüge zu Zielen in einem Radius von 5.000 Kilometern um den Frankfurter Flughafen verpflichtend am EU-Emissionshandelssystem (ETS) teilnehmen. Das geht aus einem Vorschlag der Kommission hervor, der am 18. Juli 2026 vorgestellt wurde.
Bislang galt das ETS nur für innereuropäische Flüge. Der neue Vorschlag erfasst zahlreiche Ziele in Afrika und Asien, nicht aber die USA, China und Indien. Diese Länder hatten bereits 2012 massiven Widerstand gegen den EU-Emissionshandel angekündigt, weil sie darin einen Eingriff in ihre Souveränität sahen. Sie drohten damals mit Gegenmaßnahmen wie der Einschränkung von Verkehrsrechten, woraufhin die EU das System auf innereuropäische Flüge beschränkte.
Wettbewerbsverzerrung im Fokus
Der 5.000-Kilometer-Kreis ist nicht zufällig gewählt. Er umfasst alle wichtigen Drehkreuze am Persischen Golf sowie den Flughafen Istanbul. Airlines wie Turkish Airlines, Emirates oder Qatar Airways haben europäischen Gesellschaften in den letzten Jahren große Marktanteile im Asienverkehr abgenommen. Eine Sprecherin der Lufthansa Group lobte den Entwurf: „Mit dem Vorschlag hat die EU-Kommission erstmals die Wettbewerbsverzerrung zwischen europäischen und außereuropäischen Airlines in den Blick genommen.“
Der deutsche Luftverkehrsverband BDL hatte vor der Veröffentlichung gewarnt: „Die EU kann den Emissionshandel im internationalen Luftverkehr nicht einseitig ausweiten, ohne erhebliche Gegenreaktionen anderer Staaten zu riskieren.“ Nach der Vorlage zeigte sich der Verband erleichtert, dass der Handel nicht auf alle Starts in Europa ausgeweitet wird. Deutsche Airlines müssten bereits jetzt rund 630 Millionen Euro jährlich für Emissionszertifikate aufwenden.
Rechtliche Hürden und Kritik
Luftrechtsexperte Elmar Giemulla erwartet schwierige Verhandlungen mit den betroffenen Staaten: „Die Luftverkehrsabkommen beruhen immer auf Gegenseitigkeit. Es ist schon ein kühner Plan der EU, die Verträge einseitig ändern zu wollen.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass Staaten wie die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate dem zustimmen würden. „Man muss mit denen reden. Und das wird kein Spaziergang.“
Besonders betroffen wären nordafrikanische Länder wie Ägypten und Marokko, die viele Touristen aus Europa empfangen. Deren Ferienflüge würden sich verteuern, was das Tourismusgeschäft schmälern könnte. „Das ist auch eine Frage der Fairness, ob Europa im Namen des Umweltschutzes die Ellbogen ausfahren sollte“, so Giemulla.
Funktionsweise des EU-Emissionshandels
Das EU-Treibhausgashandelssystem (ETS) ist ein zentrales Klimaschutzinstrument der Europäischen Union. Es soll Anreize schaffen, Treibhausgase einzusparen. Der Luftverkehr verursacht nach Angaben der EU-Kommission rund 4 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der EU. Die Kommission schlägt vor, das System auch auf alle ankommenden und abfliegenden Privatjets auszuweiten.
Die betroffenen Unternehmen erhalten Zertifikate für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zugeteilt und können damit handeln oder weitere ersteigern. So entsteht ein Preis für jede ausgestoßene Tonne CO2. Die Menge der verfügbaren Zertifikate sinkt kontinuierlich, um die Zertifikate teurer zu machen und Klimaschutzinvestitionen zu fördern.
Unabhängig vom ETS gibt es das globale Klimaschutzinstrument Corsia, das von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO auf freiwilliger Basis geschaffen wurde. Bis Juli 2032 soll die EU-Kommission einen Bericht vorlegen, wie gut Corsia funktioniert. Je nach Ergebnis könnte das ETS dann auf weniger Flüge außerhalb der EU eingegrenzt oder auf alle internationalen Flüge ausgeweitet werden.
Reaktionen der Luftfahrtbranche
Der globale Airline-Verband IATA sieht die EU-Pläne als Wiederholung eines „historischen Fehlers“, der erneut viele Streitigkeiten auslösen werde. IATA-Chef Willie Walsh meinte: „Das Vorhaben wird die weltweite Dekarbonisierung verlangsamen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas untergraben.“ Europa solle sich darauf konzentrieren, Corsia zu einem Erfolg zu machen.
Die europäischen Airlines sind wenig begeistert, dass sie für deutlich mehr Flüge Umweltzertifikate kaufen sollen. Ourania Georgoutsakou, Chefin des Airlineverbands A4E, forderte: „Die EU müsse die Einnahmen aus dem ETS komplett reinvestieren, um die Emissionen des Luftverkehrs zu reduzieren.“
Der europäische Verkehrsverband T&E kritisierte hingegen, dass nur 53 Prozent des europäischen Luftverkehrs bepreist würden. Anna Comino von T&E Deutschland sagte: „Es soll nur ein Teil der Flüge erfasst werden, während die längsten und umweltschädlichsten Flüge weiterhin ausgenommen bleiben. Die Bundesregierung muss diesen Vorschlag zumindest unterstützen und gleichzeitig darauf drängen, den Geltungsbereich schrittweise auszuweiten. Die Luftfahrt muss für alle ihre Emissionen aufkommen, genau wie jeder andere Wirtschaftssektor.“



