Rheinenergie kauft EnBW-Contracting: Größte Übernahme seit Jahren
Rheinenergie kauft EnBW-Contracting: Größte Übernahme

Die größte Akquisition der jüngeren Firmengeschichte steht für die Kölner Rheinenergie an: Der kommunale Versorger übernimmt von der EnBW das gesamte Contracting-Geschäft mit Energiedienstleistungen. Nach Informationen des Handelsblatts sind rund 200 Anlagen und 150 Beschäftigte betroffen, die vom Standort Stuttgart nach Köln wechseln. Der Preis soll in einem niedrigen dreistelligen Millionenbereich liegen.

Für die EnBW ist es bereits der zweite Rückzug aus einem kompletten Geschäftsfeld innerhalb weniger Wochen. Erst Mitte Juli hatte der Konzern das Neukundengeschäft seiner Heimspeicher-Tochter Senec eingestellt und den Abbau von 300 der 400 Arbeitsplätze am Standort Leipzig bekannt gegeben. Schon Ende des vergangenen Jahres verkaufte EnBW ihre Anteile am Braunkohlekraftwerk Lippendorf. Nun folgt mit dem Verkauf des Contracting-Bereichs der nächste Schritt der Verschlandung.

Größte Übernahme der Rheinenergie seit zehn Jahren

Für die Rheinenergie ist der Deal eine Zeitenwende: „Als kommunal verankertes Unternehmen kennen wir die Herausforderungen der Energiewende aus der Praxis. Diese Erfahrung und Kompetenz wollen wir künftig noch stärker deutschlandweit einbringen“, sagte Konzernchef Andreas Feicht dem Handelsblatt. Der Zukauf sei ein weiterer Meilenstein in der strategischen Entwicklung zum überregional agierenden Versorger. In der Geschichte des Kölner Unternehmens handelt es sich um die größte Akquisition der vergangenen zehn Jahre.

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Das Geschäft mit Energiedienstleistungen, im Fachjargon Contracting genannt, wächst seit Jahren – mit Ausnahme der Jahre 2022 und 2023. Laut der regelmäßigen Erhebung des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) erreichte das Umsatzvolumen 2024 einen Wert von knapp 9,6 Milliarden Euro. Energieexperte Friedrich Seefeldt vom Marktforschungsunternehmen Prognos rechnet mit einer Fortsetzung dieses Trends: „Gerade stellen viele Unternehmen und Gebäudeeigentümer um in Richtung Dekarbonisierung. Deswegen rechnen wir mit einem weiteren Wachstum des Marktes.“

So funktioniert das Contracting-Modell

Beim Contracting entwirft der Energiedienstleister ein individuelles Konzept und übernimmt die Finanzierung, den Bau sowie den laufenden Betrieb der Anlagen. Im Gegenzug erhält er einen garantierten Abnehmer für seine Energielieferungen und einen Servicekunden für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Die Rendite liegt laut Branchenkennern zwar nur zwischen fünf und sieben Prozent, doch das Wachstum gilt als weitgehend planbar. Seefeldt bezeichnet den Bereich als „strategisches und teilweise sehr kleinteiliges Geschäft mit aufwendiger Projektentwicklung“, das Versorgern aber die Möglichkeit biete, das Portfolio über den reinen Energievertrieb hinaus zu erweitern.

Neben der Rheinenergie und der EnBW zählen auch Eon und Vattenfall zu den größten Anbietern in Deutschland. Sie setzen dabei nicht nur auf mittelständische Autozulieferer, die einen veralteten Gaskessel in der Fabrik ersetzen wollen, sondern vor allem auf Kommunen, die ihre Wärmeversorgung in den kommenden Jahren klimaneutral umgestalten müssen. Ein Beispiel ist das Toyota-Racing-Team in Marsdorf, wo die Rheinenergie viele einzelne Kälteanlagen durch eine zentrale Versorgungseinheit ersetzt hat.

Rheinenergie will neue Kundensegmente erschließen

Bislang hat sich die EDL-Sparte der Kölner vor allem auf die Wohnungswirtschaft fokussiert. Der Absatz in diesem Bereich ist zuletzt jedoch geschrumpft: Für 2026 prognostiziert das Unternehmen einen Rückgang von bis zu 1,6 Prozent, was etwa 570.000 Megawattstunden entspricht. Als Hauptgrund nennt der Versorger die schwächelnde Baukonjunktur.

Durch die Übernahme des EnBW-Portfolios will die Rheinenergie ihre Kundenbasis verbreitern. „Während unser Schwerpunkt bislang vor allem auf der Wohnungswirtschaft lag, verfügt die EnBW über eine vergleichsweise stärkere Position bei Kommunen und Industrie. Diese Kombination eröffnet uns neue Möglichkeiten in allen drei Kundensegmenten“, erläutert Vertriebsvorstand Stephan Segbers. Mit der Transaktion steige man nicht nur in die Riege der drei größten Energiedienstleister auf, sondern werde unter den kommunalen Anbietern schlagartig Marktführer.

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Großes Potenzial sieht die Rheinenergie im Boom der Rechenzentren. Für diese entwickelt das Unternehmen Abwärmenutzungskonzepte und Kältelösungen. Gleichzeitig stehen in der Region Köln für die Wärmewende und die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung milliardenschwere Investitionen an. Mit dem deutlich ausgeweiteten EDL-Geschäft soll ein Teil dieser Summen erwirtschaftet werden. „Die Akquisition ist weit mehr als eine Portfolioerweiterung – sie ist ein weiterer Schritt in der strategischen Entwicklung der RheinEnergie“, betont Feicht. Weitere Zukäufe seien nicht ausgeschlossen, der Fokus bleibe jedoch auf Deutschland.

EnBW setzt auf Infrastruktur statt Energiedienstleistungen

Die EnBW hat sich in den vergangenen Jahren vom kommunalen Versorger zum internationalen Energiekonzern entwickelt. Das Geschäft reicht von der Stromerzeugung mit Gas, Sonne, Wind und Kohle über den Energiehandel bis hin zu Ladesäulen. Anfang 2026 musste der Konzern jedoch 1,2 Milliarden Euro auf ein gescheitertes Offshore-Windprojekt in Großbritannien abschreiben, da man sich verkalkuliert hatte. An den geplanten Investitionen von 50 Milliarden Euro bis 2030 hält CEO Georg Stamatelopoulos dennoch fest – der Großteil soll in erneuerbare Energien fließen.

Um diese Summen aus eigener Kraft stemmen zu können, müssen sich die Stuttgarter von einigen Altlasten trennen. Der Rückzug aus dem Heimspeichergeschäft mit Senec war ein erster Schritt. Nun folgt der Verkauf des Energiedienstleistungsgeschäfts, obwohl die Umsätze in diesem Bereich zuletzt deutlich gewachsen waren und EnBW jahrzehntelang zu den Marktführern zählte. „Diese Fokussierung unterstützt die Umsetzung unseres ambitionierten Wachstumsprogramms, damit EnBW auch weiterhin ihre zentrale Rolle in der Transformation des Energiesystems wahrnehmen kann“, sagt EnBW-Vorstand Peter Heydecker.

Künftig will sich der Konzern stärker auf den deutschlandweiten Ausbau der Energieinfrastruktur konzentrieren. Analysten erwarten, dass die Bilanzbereinigung damit noch nicht abgeschlossen ist. Weitere Verkäufe von Geschäftsbereichen gelten als wahrscheinlich, um die hohen Investitionsziele zu finanzieren.