Die Pachten für Windenergieflächen haben sich binnen weniger Jahre vervielfacht und erreichen Spitzenwerte von über 400.000 Euro pro Jahr und Anlage. Das geht aus einer Marktbeobachtung des Beratungsunternehmens Windresearch hervor. Geschäftsführer Dirk Briese sagte dem Handelsblatt: „Unsere Marktbeobachtungen zeigen einen deutlichen Anstieg der Pachten für Windenergieflächen. In der Spitze werden Pachten von über 400.000 Euro pro Jahr und Anlage erzielt.“
Preisexplosion innerhalb eines Jahrzehnts
Vor zehn Jahren galten Pachten von 100.000 Euro noch als Ausreißer nach oben. Heute sind solche Summen längst üblich. Nutznießer dieser Entwicklung sind nicht nur Landwirte, sondern auch staatliche Verpächter wie Landesforste. Letztlich tragen die Steuerzahler die Kosten, da die Betreiber von Windparks nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine Garantievergütung erhalten. Liegen die Einnahmen aus der Stromvermarktung unter dieser Garantie, gleicht der Staat die Differenz aus.
Auswirkungen auf Strompreise und Ausschreibungen
Die Pachten sind ein Bestandteil der Kostenkalkulation der Betreiber. Diese müssen sich in Ausschreibungen um die EEG-Förderung bewerben. Steigende Pachten führen zu höheren Geboten, was den geförderten Strom verteuert. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) kritisiert die Entwicklung scharf. Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing warnte: „Kommunale Unternehmen stehen für Verlässlichkeit, Bürgernähe und langfristige Investitionen. Wenn sie im Wettbewerb um Flächen systematisch unterliegen, gefährdet das regionale Wertschöpfung und Akzeptanz der Energiewende.“
Kontroverse um Deckelung der Pachten
Der Deutsche Bauernverband lehnt eine gesetzliche Begrenzung der Pachten ab. Eine solche Deckelung stelle einen unnötigen Markteingriff dar und schaffe zusätzliche Bürokratie. „Es ist der falsche Ansatz, Grundeigentümer für Kostenentwicklungen verantwortlich zu machen und damit ihre Vertragsfreiheit zu verletzen“, teilte der Verband mit. Die Verantwortung liege bei den Projektierern, nicht bei den Grundstückseigentümern. Für Landwirte sind die Pachtverträge äußerst lukrativ – die Erträge liegen weit über denen der land- oder forstwirtschaftlichen Nutzung.
Ben Schlemmermeier, Gründer und Chef von Caeli Wind, teilt die Kritik des VKU nicht. „Ich halte die Position des VKU für unreflektiert. Die Stadtwerke haben selbst solche Angebote gemacht, mit denen das Pachtniveau in die Höhe getrieben wurde“, sagte er. Caeli Wind betreibt einen Online-Marktplatz für Grundbesitzer und Projektentwickler.
Koalitionspläne und aktueller Stand
CDU, CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die Pachten für EEG-geförderte Anlagen zu begrenzen. Allerdings ist die Umsetzung noch offen. Das Bundeswirtschaftsministerium teilt mit, die konkrete Ausgestaltung befinde sich in der Abstimmung. Diskutiert wird eine Begrenzung der jährlichen Pachteinnahmen auf einen Prozentsatz des Anlagenumsatzes.
Doch selbst bei umsatzabhängigen Pachten gibt es extreme Forderungen: Während früher drei bis sechs Prozent üblich waren, werden heute zweistellige Prozentanteile verlangt. Der VKU berichtet von bis zu 30 Prozent, Schlemmermeier sogar von Einzelfällen mit 45 Prozent Umsatzbeteiligung. „Das ist völlig absurd“, kommentierte er.
Marktberuhigung oder anhaltender Druck?
Schlemmermeier sieht Anzeichen einer Entspannung. Der Markt sei lange von Überrenditen geprägt gewesen, doch die Blase sei geplatzt. „Pachtverträge, die jetzt geschlossen werden, bewegen sich auf einem ganz anderen Niveau.“ Auch der Windpark-Entwickler WPD bestätigt: „Das Thema Pachten hat an Brisanz verloren. Die extremen Ausschläge nach oben sind aktuell kein Thema mehr.“ Die Zuschlagswerte bei Wind-Ausschreibungen seien gefallen, was den Spielraum für Pachten verringere.
Allerdings gehen nicht alle Marktakteure von einer dauerhaften Entspannung aus. Einige Insider erwarten wegen der ambitionierten Ausbauziele weiterhin hohe Pachten. Entscheidend sei das Flächenangebot, das sich durch die Ausweisung von zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie seit 2022 vergrößert hat.
Schlemmermeier rät Betreibern, bei überhöhten Verträgen das Gespräch mit Grundstückseigentümern zu suchen, auch wenn die Erfolgsaussichten gering sind. „Viele Verträge aus den letzten drei bis vier Jahren sind nicht kapitalmarktfähig und können nicht realisiert werden“, sagte er. Eine gesetzliche Regelung bleibt indes umstritten.



