Dulger: „Dieses Jahrzehnt ist von Rezession und Stagnation geprägt“
Die deutsche Wirtschaft steckt seit Jahren in einer tiefen Schwächephase. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt nun eindringlich vor einem verlorenen Jahrzehnt. „Das letzte große Geschäftsjahr der deutschen Wirtschaft war 2019, seitdem verwalten wir den Rückstand“, sagte Dulger der Deutschen Presse-Agentur. „Unsere Wettbewerber müssen gar nichts besonders gut machen – es reicht, dass sie weiterfahren, während wir auf dem Standstreifen stehen. Wenn das so bleibt, sind die Zwanzigerjahre für dieses Land ein verlorenes Jahrzehnt.“ Die Bundesregierung hatte Anfang Juli ein Reformpaket verabschiedet, das unter anderem Bürokratieabbau und die Stabilisierung der Sozialabgaben vorsieht. Zudem sollen Steuerzahler entlastet und Zukunftsbranchen gefördert werden. Bereits beschlossen ist ein Sparpaket in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Reformpaket als Kurswechsel – aber kein Allheilmittel
Dulger bezeichnete das Paket als „Kurswechsel“ und begrüßte es grundsätzlich. Allerdings warnte er vor zu hohen Erwartungen: „Aber wir hatten sieben Jahre Stagnation, während unsere Wettbewerber gute Jahre hatten. Diesen Abstand holt kein Beschluss in einer Sitzungsnacht auf.“ Der Arbeitgeberpräsident verwies auf die strukturellen Probleme: „Zu hohe Abgaben, zu hohe Energiekosten, zu viel Bürokratie, dazu eine Infrastruktur aus dem vergangenen Jahrhundert – das ist der Zustand des Standorts.“ Deutschland brauche einen massiven Umbau, der Zeit und kontinuierliche Anstrengungen erfordere. „Es wird ein Jahrzehnt Arbeit, und wir haben schon eines verloren“, so Dulger.
BDI: Vertrauen muss zurückgewonnen werden
Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), äußerte sich ebenfalls zum Reformpaket. Sie begrüße, dass die Bundesregierung nun in die Umsetzung komme, sagte Gönner der dpa. „Aber dabei darf es nicht bleiben: Vertrauen in den Standort entsteht erst, wenn weitere Entlastungsschritte bei Steuern, Bürokratie, Energie- und Infrastrukturkosten folgen und spürbar in den Unternehmen ankommen.“ Sie betonte, dass das Paket richtige Ansätze enthalte, insbesondere bei der Staatsmodernisierung und dem Bürokratieabbau. Entscheidend sei jedoch die konkrete Umsetzung im Herbst. „Wenn die Unternehmen sehen, dass die verabredeten Schritte tatsächlich Wirkung zeigen, kann neues Vertrauen entstehen und Investitionsentscheidungen für Deutschland werden wieder wahrscheinlicher.“
Dramatische Zahlen: 1,4 Billionen für Sozialstaat, 146 Milliarden Bürokratiekosten
Dulger untermauerte seine Kritik mit konkreten Zahlen: „2025 ging fast jeder dritte Euro unserer Wirtschaftsleistung in den Sozialstaat – nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums 1,4 Billionen Euro.“ Die Bürokratie koste die Wirtschaft jährlich 146 Milliarden Euro. Die Ursache sieht er auch in der europäischen Gesetzgebung: „Aus Brüssel kommen Vorgaben, und in deutschen Amtsstuben werden sie mit bürokratischem Ehrgeiz umgesetzt.“ Ein einfaches Allheilmittel gebe es nicht. Den „einen großen Wurf, der dieses Dilemma löst“, sieht Dulger nicht. Stattdessen sei ein langfristiger Prozess notwendig.
Appell an Kanzler Merz: Reformen erklären
Mit Blick auf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) forderte Dulger eine offensive Kommunikation. „Ich erwarte vom Bundeskanzler und von der Bundesregierung, dass sie den Menschen sagen, worauf dieses Land zusteuert. Reformen müssen erklärt werden: Wir reformieren die sozialen Sicherungssysteme nicht, um sie zu schleifen, sondern um sie zu behalten. Wer das nicht erklärt, darf sich über Widerstand nicht wundern.“ Gönner ergänzte, dass das Vertrauen der Unternehmen in die Politik in den vergangenen Jahren „schleichend verloren“ gegangen sei. Sie erinnerte an ein früheres Wirtschaftsprogramm unter der alten Bundesregierung, das nie umgesetzt wurde. „Wir haben bereits vier Jahre Stagnation und Rezession hinter uns. Viele Unternehmen haben gewartet und überlegt, wo sie den nächsten Wachstumsschritt gehen. Eigentlich würden sie gern hier investieren.“
Industrie räumt eigene Versäumnisse ein
Auf die Frage nach möglichen Fehlern der Industrie zeigte sich Gönner selbstkritisch: „Wir hatten viele Jahre, in denen alles auf unser Wirtschaftsmodell eingezahlt hat. Da verändert man nicht ohne Not. Vielleicht haben wir deshalb manche Signale erst spät erkannt. Ich vermute, wir waren nicht früh genug im Fitnessstudio – oder haben zu spät gemerkt, dass wir überhaupt hinmüssen.“ Die Bundesregierung hatte ihre Konjunkturprognose gesenkt und erwartet für 2026 nur ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent, für 2027 von 0,9 Prozent. Wirtschaftsverbände beklagen seit Langem Standortnachteile wie steigende Sozialabgaben, hohe Energiepreise und übermäßige Bürokratie.



