Europa gerät bei den Schlüsseltechnologien der Zukunft immer weiter ins Hintertreffen. Während sich die privatwirtschaftlichen Investitionen in IT-Hard- und Software in den USA seit 2014 mehr als verdreifacht haben und in China sogar noch deutlich stärker gestiegen sind, stagnieren sie in Europa. Die Folge ist nicht nur ein Verlust an potenziellem Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Besonders gravierend sind die sicherheitspolitischen Konsequenzen, warnt Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats, in einem Gastbeitrag für das Wirtschaftsforum.
Innovationsstrom kehrt sich um
Lange Zeit entstanden technologische Durchbrüche im militärischen Bereich und fanden anschließend ihren Weg in zivile Anwendungen. Heute verläuft dieser Innovationsstrom zunehmend in die entgegengesetzte Richtung. Die entscheidenden Fortschritte entstehen in der Privatwirtschaft – etwa bei Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik, Robotik, Sensorik und autonomen Systemen – und werden rasch für militärische Zwecke adaptiert.
Für liberale Demokratien ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung. Autokratische Staaten und ihre Stellvertreterorganisationen richten militärische Entscheidungen häufig nicht an denselben ethischen Grundsätzen aus, die für freiheitlich-demokratische Gesellschaften handlungsleitend sind. Sie nutzen technologische Fortschritte, um die Kosten moderner Kriegsführung drastisch zu senken und hochwirksame Waffensysteme in großer Zahl verfügbar zu machen.
Demokratien unter Zugzwang
Demokratien hingegen wollen ihre Bevölkerung schützen und müssen Bedrohungen mitunter bereits in einem frühen Stadium begegnen, zugleich aber zivile Opfer möglichst vermeiden. Diese ethischen Anforderungen können zu einem technologischen Nachteil werden, wenn die Entwicklung entsprechender Systeme nicht vorangetrieben wird. Grimm betont: „Technologieführerschaft entscheidet zunehmend darüber, ob liberale Demokratien ihre Werte auch im Konfliktfall verteidigen können.“
Die Diskussion über neue Technologien werde aus dem falschen Blickwinkel geführt, so die Wirtschaftsweise. Statt nur über wirtschaftliche Chancen zu sprechen, müsse die Sicherheitsdimension stärker in den Fokus rücken. Europa müsse dringend seine Investitionen in Zukunftstechnologien erhöhen, um nicht den Anschluss zu verlieren und damit auch seine Verteidigungsfähigkeit zu gefährden.



