Tunnelraub von Steglitz: Beute 10 Millionen, Täter bis heute flüchtig
Tunnelraub von Steglitz: Millionen-Beute, Täter flüchtig

Es war ein Coup, der selbst Hollywood-Filme wie „Ocean’s Eleven“ blass aussehen lässt: Der legendäre Tunnelraub von Berlin-Steglitz ging als einer der spektakulärsten Bankeinbrüche in die deutsche Geschichte ein. Die Täter entkamen spurlos mit einer Beute von über zehn Millionen Euro. Das Rätsel: Riesige Mengen Bargeld und Schmuck ließen sie einfach im Tresorraum liegen. Suchten die Räuber in Wahrheit nach etwas ganz anderem?

Der Tatablauf: Ein Tunnel mitten in Steglitz

Es war ein trüber Montagmorgen, jener 14. Januar 2013. Unangenehmes Wetter plagte die Menschen in Berlin, auf den Straßen lag sogar ein wenig Schnee. Und obwohl die Sonne noch nicht einmal aufgegangen war, herrschte in der Feuerwache Südendstraße in Berlin-Steglitz rege Betriebsamkeit. Erst hatte der Brandmelder im Tresorraum der Volksbank an der Schloßstraße – Eicke Wranglerstraße – Alarm geschlagen. Dann meldeten Zeugen aus der Nachbarschaft Rauchwolken, die aus einer angrenzenden Tiefgarage zogen. Nur wenige Minuten später war die Wranglerstraße vom blitzenden Blaulicht erfüllt.

Noch während die Löscharbeiten liefen, schlugen die Einsatzkräfte selbst Alarm, riefen die Polizei zu Hilfe. Denn: Im Tresorraum der Bank waren mehrere Schließfächer aufgebrochen worden – und in der Wand klaffte ein fast mannshohes Loch, das in einen unergründlichen Tunnel führte. Schnell kam dann auch noch die Meldung aus der Tiefgarage: Eingang in einen Stollen entdeckt, Ende nicht abzusehen. Die Polizei kombinierte: Es handelte sich wohl um ein und denselben geheimen Gang, auch wenn sich keiner der Beamten in den komplett vernebelten Stollen traute. Es waren wohl Schwerkriminelle am Werk – und da musste man mit allem rechnen.

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Die Beute: Millionen Euro, aber vieles zurückgelassen

Als der Rauch sich verzog, offenbarte sich in der Bank die ganze Bescherung: Rund 300 aufgebrochene Schließfächer – die Beute der Unbekannten war enorm. Und gleichzeitig hatten sie viel zurückgelassen, jede Menge herumliegender kostbarer Schmuck, hochkarätige Münzen, Bargeld in Umschlägen, Wertpapiere. Die Rede war später sogar von 25 angeschmorten Umzugskartons mit Wertgegenständen, die die Verbrecher schlicht ignorierten. Eine Zählung belief sich auf 3229 Gegenstände. 1300 weitere Schließfächer waren unberührt.

Keine Frage: Die Gangster hatten es an jenem Montagmorgen eilig. Irgendwann mussten sie schlicht aufhören, wenn sie nicht dem ersten Angestellten noch „Guten Morgen“ sagen wollten. Die kurze Hektik indes zwischen Freitagabend und frühem Montagmorgen stand in krassem Gegensatz zum jahrelangen Aufwand, den sie in ihren dreisten Coup investiert hatten. Der flößte auch den Ermittlern gehörigen Respekt ein, nachdem sie den Tunnel selbst abgeschritten und dabei 45 Meter vermessen hatten. Kriminalhauptkommissar Michael Adamski, der jahrelang nach den Tätern fahndete und den Tatablauf in alle nur denkbaren Dimensionen wendete, stellte 2019 fest, dass der Tunnelbau eine „Mischung aus Bergbau und Armee“ gewesen sei, dass da „keine Heimwerker“ gearbeitet hätten.

Die Täter: Spuren führen nach Polen, aber keine Festnahmen

Wer genau da am Werk war? Unklar. Denn die Täter sind bis heute nicht gefasst. Im Januar 2023 verjährte ihr Verbrechen, eine Strafe müssen sie also nicht mehr fürchten. Vermutlich ließen sie die Korken knallen. Oder öffneten mit Wonne ein paar Bierdosen, jener polnischen Marke, wie sie sie – leer – am Tatort zurückgelassen hatten. Die Dosen, ein paar Holzwinkel mit geklärter Herkunft, ebenfalls aus Polen, sowie zwei Fingerabdrücke, zwei DNA-Spuren und ein polnisches Buch mit dem (übersetzten) Titel „Gangster“ – das sind die einzigen verwertbaren Beweise, die die Ermittler vor den Flammen retten konnten.

Was die Polizei sonst noch herausfinden konnte, ist überschaubar. 2011 hatte wohl einer der Täter ein Schließfach in der Volksbank angemietet, um den Tresorkeller auszukundschaften. Im Februar 2012 hatte ein anderer einen Stellplatz in der nahen Tiefgarage gepachtet. Anschließend ging es ans Graben, ein knappes Jahr lang. Die Rechnung der Täter ist, wie es heute aussieht, aufgegangen. Eine Rechnung, die fast größenwahnsinnig anmutet.

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Berlin: Stadt der Tunnel – von den Brüdern Sass bis zum Steglitz-Coup

Berlin ist die Stadt illegaler, geheimer unterirdischer Stollen, spätestens seit den Brüdern Sass, den legendären Gaunern, die sich 1929 durch einen Tunnel Zugang zum Tresor der Berliner Diskonto-Bank verschafft haben sollen. Mutmaßlich, denn sie wurden dessen gerichtlich nie überführt. Nach dem Krieg entstanden dann die Spionagetunnel zwischen den Sektoren sowie die unzähligen Fluchttunnel unter der Mauer hindurch mit ihrer teils erfolgreichen, teils tragischen Geschichte.

Später die Rückkehr der Gangster-Tunnel: 1995 der fast geniale Coup mit dem 170 Meter langen, unterirdischen Gang bis unter eine Commerzbank-Filiale in Zehlendorf, durch den die Gangster nach einer trickreich inszenierten Geiselnahme unbemerkt entkamen – und dennoch, aus Dummheit, bald gefasst wurden. Die Maulwürfe von Steglitz dürften davon gehört haben, doch ihr Vorhaben 2013 barg noch ganz andere Herausforderungen.

Der Tunnelbau: 100 Tonnen Sand und ein diamantbesetzter Kernbohrer

Die Zehlendorfer Täter hatten 1995 ihren Tunnel 150 Meter entfernt von der Bank, bestens getarnt unter der eigenen Garage, ins Erdreich graben können. Die Täter in Steglitz dagegen, mitten im Ortszentrum, mussten in einer öffentlichen Tiefgarage – abgeschirmt nur von einer dünnen Wand mit Rolltor – unbemerkt eine 20 Zentimeter dicke Wand durchbrechen, eineinhalb Meter hoch, einen knappen Meter breit. Dann ging das eigentliche Graben los, auf 45 Meter Länge, in weiten Kurven, wohl um die anfallenden Geräusche zum Eingang hin zu dämpfen. Abgetragen wurden 60 Kubikmeter, also rund 100 Tonnen märkischer Sand. Was auf etwa 200 bis 250 Touren mit unauffälligen Pkw-Kombis hinauslief, herausgekarrt aus einem Parkdeck mit Publikumsverkehr.

Derweil musste beim Tunnelvortrieb alle 20 Zentimeter die Bewehrung an den Seiten und unter der Decke fachmännisch weitergeführt werden, mit herbeigeschafften, schweren Holzbalken, ist doch der Berliner Sand denkbar flüchtig. Die Gefahr des ansteigenden Grundwassers mussten die Täter von Anfang an ausblenden – Abgase der Tiefgarage, die sich im Tunnel anreicherten, ebenso. Es ist kaum zu glauben, dass keiner der anderen Garagennutzer von diesem „Tiefbau“ etwas mitbekam. Doch die Dreistigkeit der Täter siegte – und half auch beim Überwinden der letzten Hürde: dem Durchbruch durch die 80 Zentimeter dicke Stahlbetonwand des Tresorraums. Mit einem diamantbesetzten Kernbohrer, bergbautauglich, im Zentrum von Steglitz, fast unmittelbar unter dem Boden. Alles in einer alarmgesicherten Bank – oder etwa nicht?

Der Fehler des Wachmanns: Alarm ignoriert

In dem Moment, als der Bohrkern durch war, frühmorgens am Samstag, dem 12. Januar, schlug der Bewegungsmelder im Tresorraum Alarm. Der Mann vom zuständigen Wachschutz rückte aus Charlottenburg an. Doch er hielt es nicht einmal für nötig, im Keller nachzuschauen. Warum auch, oben war doch alles in Ordnung. Es konnte also niemand unten sein. Und hatten nicht kürzlich schon einmal Mäuse oder Spinnen die Bewegungsmelder ausgelöst? Der Mann zog wieder ab. Ungestört konnte es unten also weitergehen, ja eigentlich erst beginnen: Rund 50 Stunden Arbeit an den Schließfächern, immer mal eine Dose Bier zwischendurch.

Am Ende hatten die Unbekannten es geschafft. Geschätzte Beute: zehn Millionen Euro. Bis heute weiß niemand wirklich, was in den aufgebrochenen Fächern war. Doch der Coup hätte noch viel größer sein können, angesichts dessen, was alles zurückgelassen wurde. Zurückgelassen neben unzähligen Fragen für die Polizei. Darunter diese: War alles vielleicht ganz anders, und die Täter hatten es gar nicht auf Wertsachen abgesehen, sondern auf irgendwelche Unterlagen, auf Daten? Ein Jahr zuvor, ebenfalls im Januar, wurde in der Volksbank ein Fenster ausgehebelt und ein Laptop mitgenommen. Auch im Oktober 2010 hatte es einen Angriff auf den Tresorkeller gegeben, aus dem Innern des Gebäudes heraus, nach einem Fensterdurchbruch. Als die Täter scheiterten, legten sie ebenfalls Feuer. Sollten die vorherigen Einbrüche lediglich die Reaktionen des Wachschutzes testen? Das wissen bis heute nur die Täter.