Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2024 überraschend geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Ökonomen hatten im Schnitt mit einem stagnierenden Wachstum gerechnet.
Industrieproduktion und Exporte belasten
Haupttreiber des Rückgangs war die schwache Industrieproduktion, die laut ifo-Institut um 1,2 Prozent fiel. "Die Industrie leidet unter den hohen Energiekosten und der schwachen Nachfrage aus China", sagte ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Auch die Exporte gingen zurück, insbesondere in die Eurozone.
Dienstleistungssektor stabilisiert
Der Dienstleistungssektor hingegen zeigte sich stabil. Die privaten Konsumausgaben stiegen leicht um 0,1 Prozent, gestützt durch die hohe Beschäftigung und steigende Löhne. "Die Dienstleistungen halten die Konjunktur noch einigermaßen am Laufen", kommentierte Commerzbank-Ökonom Jörg Krämer.
Rezessionssorgen wachsen
Mit dem Rückgang im zweiten Quartal wachsen die Sorgen vor einer Rezession. Bereits im ersten Quartal war das BIP um 0,1 Prozent gesunken. Zwei negative Quartale in Folge gelten als technische Rezession. Die Bundesbank warnte in ihrem Monatsbericht: "Die deutsche Wirtschaft bleibt fragil. Die konjunkturelle Erholung verzögert sich weiter."
Ampel-Koalition unter Druck
Die schlechten Konjunkturdaten setzen die Bundesregierung unter Druck. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte ein neues Konjunkturpaket an. "Wir werden die Unternehmen entlasten und Investitionen fördern", sagte Habeck. Die Opposition kritisierte die Politik der Ampel-Koalition. Friedrich Merz (CDU) forderte eine grundlegende Wirtschaftswende.
Ausblick gedämpft
Die Aussichten für die zweite Jahreshälfte bleiben gedämpft. Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe fiel im Juli auf 40,5 Punkte, den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Auch der ifo-Geschäftsklimaindex sank im Juli zum dritten Mal in Folge. "Eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht", sagte Wollmershäuser. Die Bundesregierung senkte ihre Wachstumsprognose für 2024 auf 0,3 Prozent.
Internationale Vergleiche
Im Vergleich zu anderen großen Volkswirtschaften schneidet Deutschland schlecht ab. Die USA wuchsen im zweiten Quartal um 0,7 Prozent, Frankreich um 0,3 Prozent. Nur Italien verzeichnete mit minus 0,2 Prozent einen ähnlichen Rückgang. Experten führen die Schwäche Deutschlands auf die starke Exportabhängigkeit und die Energiewende zurück.
Notenbanken und Inflation
Die Europäische Zentralbank hält an ihrem Zinspfad fest. Die Inflation in Deutschland lag im Juli bei 2,3 Prozent, leicht über dem EZB-Ziel von 2,0 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte jedoch, dass die Geldpolitik datenabhängig bleibe. "Wir müssen die Inflation weiterhin im Griff behalten, ohne die Konjunktur übermäßig zu belasten", sagte sie.
Hoffnung auf zweites Halbjahr
Trotz der trüben Aussichten gibt es auch positive Signale. Die Auftragseingänge der Industrie stiegen im Juni um 2,8 Prozent, vor allem dank Großaufträgen aus dem Maschinenbau. Zudem sinken die Energiepreise, was die Produktionskosten senkt. "Das könnte im dritten Quartal für eine leichte Belebung sorgen", sagte Krämer. Aber die grundlegenden Probleme bleiben bestehen.



