HRI-Prognose: Deutschland rutscht erneut in die Rezession
HRI-Prognose: Deutschland rutscht erneut in die Rezession

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) hat seine Konjunkturerwartungen für Deutschland erneut nach unten korrigiert. Für das laufende Jahr erwarten die Ökonomen nun ein reales Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent, für 2027 lediglich 0,3 Prozent. Vor einem Vierteljahr lagen die Prognosen noch bei 0,7 beziehungsweise 0,8 Prozent.

Wirtschaft schrumpft im zweiten Halbjahr

Nach einem überraschend starken Jahresauftakt 2026 zeichnet sich für das zweite Halbjahr eine deutliche Abschwächung ab. Die Folgen des Irankriegs – Lieferengpässe, höhere Energiepreise und steigende Produktionskosten – werden zunehmend spürbar. Bereits im zweiten Quartal stagniert die Wirtschaft, im dritten und vierten Quartal erwartet das HRI einen leichten Rückgang. Deutschland würde damit erneut in eine technische Rezession abrutschen, die fünfte in diesem Jahrzehnt. Zum Vergleich: In den gesamten 2010er-Jahren gab es nur eine solche Rezession.

Wachstumspotenzial sinkt dramatisch

Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup sieht Deutschland von den Multikrisen dieser Zeit besonders betroffen. Das Ende des Globalisierungsschubs, der Umbau der Energieversorgung und die starke Konkurrenz aus China gefährden das traditionelle Geschäftsmodell. Hinzu kommt die Alterung der Bevölkerung: Die Ausgaben der Sozialversicherungen steigen, das Arbeitskräfteangebot sinkt. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte das Trendwachstum auf nahe null zurückgehen.

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Außenhandel wird zur Wachstumsbremse

Der einst florierende Außenhandel ist seit 2019 zum Stillstand gekommen und wird nun zur massiven Belastung. Mit Ausnahme der Jahre 2021 und 2023 dämpft er das Wachstum seit 2018: Die Importe steigen stärker als die Exporte. Die Exporterwartungen des Ifo-Instituts sind seit drei Jahren fast ununterbrochen negativ – eine beispiellose Durststrecke seit Beginn der Datenreihe 1991.

Im ersten Quartal 2026 schrumpfte der Exportüberschuss mit den USA um fast ein Drittel. Die Exporte in die USA sanken um 11,8 Prozent, während die Importe um 1,8 Prozent stiegen. Besonders betroffen waren Kraftfahrzeuge und Maschinen. Gleichzeitig stieg das Handelsdefizit mit China: Die Importe aus China legten um 6,4 Prozent zu, die Exporte dorthin fielen um 12,5 Prozent. Das HRI erwartet, dass der Außenhandel das Wachstum 2026 um 0,3 Prozentpunkte und 2027 um 0,8 Punkte belastet.

Investitionen stabilisieren sich

Nach vier Jahren des Rückgangs zeichnet sich bei den Bruttoanlageinvestitionen eine Erholung ab: Für 2026 erwartet das HRI ein Plus von 0,7 Prozent, für 2027 von 1,8 Prozent. Grund sind die milliardenschweren staatlichen Programme für Infrastruktur und Verteidigung. Allerdings steigt auch der Staatskonsum, vor allem durch wachsende Beschäftigtenzahlen im öffentlichen Dienst. Im ersten Quartal gingen 185.000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren, während 181.000 neue Stellen im Bereich öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit entstanden. Diese Verschiebung hin zur Dienstleistungsgesellschaft ist problematisch, da die Einkommen dieser Beschäftigten aus Steuern und Gebühren finanziert werden müssen und Produktivitätssprünge kaum zu erwarten sind.

Arbeitsmarkt unter Druck

Die Zahl der Erwerbstätigen sank im ersten Quartal auf 45,6 Millionen – 157.000 weniger als ein Jahr zuvor und der niedrigste Wert seit 2022. Die Arbeitslosigkeit steigt langsam aber stetig. Das HRI erwartet für 2026 einen Anstieg der Arbeitslosenzahl um 40.000, für 2027 um 20.000 auf durchschnittlich 3,01 Millionen. Die Erwerbstätigenzahl wird 2026 um 174.000 und 2027 um 184.000 sinken. Der jahrzehntelange Beschäftigungsaufbau seit den Agenda-2010-Reformen ist damit Geschichte.

Privater Konsum nur verhalten

Die schwache Konjunktur und gestiegene Energiepreise dämpfen den privaten Konsum. Nach einem Plus von 1,3 Prozent im Vorjahr erwartet das HRI für 2026 einen realen Zuwachs von 0,6 Prozent und für 2027 von 0,7 Prozent. Gestützt wird der Konsum durch konjunkturunabhängige Einkommen von Rentnern, Beamten und anderen Staatsbediensteten.

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Staatsdefizite steigen

Die wachsende Rolle des Staates führt zu steigenden Haushaltsdefiziten. Die gesamtstaatliche Defizitquote wird von 2,8 Prozent im Vorjahr auf 3,7 Prozent 2026 und 4,4 Prozent 2027 steigen – deutlich über der Maastricht-Grenze von drei Prozent. Im Euroraum liegen die Defizite 2026 etwa einen halben und 2027 einen ganzen Prozentpunkt niedriger. Deutschland entwickelt sich vom Verfechter solider Finanzen zum Treiber steigender Defizite. Ohne Gegensteuern drohen mittelfristig französische Verhältnisse.

Chefökonom Rürup kritisiert, dass die Regierung Gelder in klientelspezifische Projekte wie Tankrabatt, Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie und neue Mütterrenten steckt, anstatt in eine Modernisierung der Unternehmensbesteuerung und des Steuer-Transfer-Systems. Er fordert mutige Reformen, um das Angebot von Arbeit und Kapital zu erhöhen. „Gelingt der Turnaround nicht, droht der Volkswirtschaft ein verlorenes Jahrzehnt“, warnt Rürup.