Die anhaltende Konjunkturschwäche in Deutschland greift nun auch auf den Dienstleistungssektor über. Laut der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) unter mehr als 11.000 Dienstleistungsfirmen berichten immer mehr Unternehmen von finanziellen Schwierigkeiten. „Strukturelle Probleme, hohe Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten erreichen nun auch die Dienstleister mit voller Wucht“, erklärte DIHK-Experte Dirk Binding am Freitag.
Gastgewerbe besonders betroffen
Besonders hart trifft die Krise das Gastgewerbe. Knapp zwei Drittel der gastgewerblichen Betriebe bezeichnen ihre Finanzlage als problematisch. Jedes zehnte Unternehmen in dieser Branche fürchtet sogar eine drohende Insolvenz. Viele Dienstleistungsunternehmen – von der Logistik über die Werbebranche bis zur IT – arbeiten für große Industrie- und Gewerbekunden. „Geht es diesen schlecht, kommt das zeitverzögert auch bei Dienstleistern an“, so Binding.
Hohe Kosten und schwache Nachfrage
Die Hauptbelastungsfaktoren sind hohe Energie- und Personalkosten. Trotz der bevorstehenden Sommersaison liegen die Beschäftigungsabsichten auf einem niedrigeren Niveau als noch zu Jahresbeginn. Auch personenbezogene Dienstleistungen wie Gesundheit, Tourismus, Kultur und Verkehr geraten unter Druck. „Die geschwächte Kaufkraft und Unsicherheit der Verbraucher drücken die Nachfrage“, erklärte Binding. „Hinzu kommen steigende Energie- und Rohstoffpreise infolge des Nahostkonflikts, die auch die Dienstleister hart treffen.“
Stimmung trübt sich ein
Die Geschäftserwartungen verdüstern sich deutlich. Nur noch 27 Prozent der Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage als gut, 23 Prozent als schlecht. Rund 31 Prozent der Betriebe rechnen mit einer weiteren Eintrübung, nur 13 Prozent erwarten Besserung. Entsprechend zurückhaltend sind sie bei Beschäftigungs- und Investitionsplänen: Mehr als jedes fünfte Unternehmen plant Personalabbau, fast jedes dritte will Investitionen kürzen.
Kleine Betriebe in finanziellen Schwierigkeiten
Besonders kleine Betriebe mit bis zu zehn Beschäftigten haben zu kämpfen. Fast jede zweite dieser Firmen befindet sich in einer problematischen Finanzlage, etwa 22 Prozent berichten von Liquiditätsengpässen. „Viele kleine Betriebe haben ihre finanziellen Reserven in den vergangenen Krisenjahren weitgehend aufgebraucht und verfügen kaum über Puffer, um die stark gestiegenen Kosten abzufedern“, erläuterte Binding.
Der stärkste Einbruch zeigt sich in der Reisevermittlung, maßgeblich bedingt durch den Iran-Krieg samt Folgen. Auch der bislang stabile Sektor Gesundheit und Soziale Dienste bewertet seine Lage trotz hoher Nachfrage schlechter als noch Anfang 2026. 61 Prozent der Unternehmen sehen die hohen Arbeitskosten als ihr größtes Geschäftsrisiko, während der Fachkräftemangel für 62 Prozent eine große Herausforderung bleibt.
Verkehrsgewerbe unter Druck
Im Verkehrsgewerbe kommen zu Engpässen, maroder Infrastruktur und Fachkräftemangel noch stark gestiegene Energiekosten hinzu. Besonders negativ blicken Taxi- und Busunternehmen auf ihre wirtschaftliche Lage, da sie stark von Benzin- und Dieselpreisen abhängig sind. Bei Luftverkehrsunternehmen dämpfen steigende Kerosinpreise und die Sorge vor andauernden Luftraumsperrungen in der Golfregion die Erwartungen.
„Branchenübergreifend sind viele Dienstleister aktuell in ihrer Existenz gefährdet“, sagte Binding. Er fordert eine schnelle Umsetzung der im Koalitionsvertrag vorgesehenen wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit. Auch Dokumentationspflichten, hohe bürokratische Auflagen und steigende Arbeitskosten setzen die Unternehmen unter Druck. „Hier braucht es dringend Entlastung“, so Binding. Zudem benötigten Betriebe mehr Flexibilität, um auf Nachfrageschwankungen reagieren und Personal bedarfsgerecht einsetzen zu können. „Starre Arbeitszeiten werden der Realität vieler Betriebe, gerade im Gastgewerbe, nicht mehr gerecht.“



