Das Unternehmen Lagardère Travel Retail will in Deutschland mit Gastronomie und Geschäften an Flughäfen und Bahnhöfen massiv expandieren. Deutschlandchef Jochen Halfmann sagte im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Unser Ziel ist es, durch organisches Wachstum und Akquisitionen beim Umsatz bis 2030 die halbe Milliarde zu erreichen.“ Damit würde das französische Unternehmen seinen Umsatz im Vergleich zum abgelaufenen Geschäftsjahr verdoppeln. Im laufenden Jahr plant Lagardère, das allein in den vergangenen vier Wochen 26 neue Restaurants und Geschäfte eröffnet hat, mit einem Umsatz von 280 Millionen Euro.
Übernahme von Marché als Türöffner
Ein entscheidender Schritt war für Lagardère die Übernahme der Restaurantkette Marché im Jahr 2023. Weitere Zukäufe schließt das Unternehmen nicht aus. „Wir haben in Deutschland ehrgeizige Wachstumsziele“, betonte Halfmann. Die Expansion von Lagardère in Deutschland fällt in eine Zeit, in der das Geschäft mit den Reisenden deutlich schwieriger geworden ist. Bis 2019 boomte der Markt mit hohen Wachstumsraten. Doch von den Einschnitten in der Coronazeit hat er sich bis heute nicht vollständig erholt.
Herausforderungen im Reisemarkt
Da ein großer Teil des Reisegeschäfts an den Flughäfen gemacht wird, hängt es sehr eng an der Zahl der Fluggäste, die an den Geschäften und Restaurants vorbeilaufen. An den deutschen Flughäfen lag die Zahl der Passagiere im vergangenen Jahr bei 220 Millionen – und damit zwölf Prozent unter dem Jahr 2019. Hart getroffen hat die Branche insbesondere, dass viele Unternehmen die Zahl der Dienstreisen seit 2019 deutlich zurückgefahren haben. „Die damals wichtigste Zielgruppe der Geschäftsreisenden ist um 50 bis 60 Prozent zurückgegangen“, sagte Halfmann.
Dazu kommt, dass die Flugreisenden bei ihren Ausgaben deutlich zurückhaltender geworden sind. „Auch wir spüren die Kaufzurückhaltung der Deutschen“, sagte Halfmann. „Die Ausgaben pro Passagier sind im Schnitt drei bis vier Prozent rückläufig.“ Das deckt sich mit internationalen Studien. So berichtet der europäische Branchenverband European Travel Retail Confederation (ETRC), dass der Umsatz im Duty-Free-Geschäft in Europa im vergangenen Jahr zwar um 5,5 Prozent auf 10,13 Milliarden Euro gestiegen ist. Doch weil die Zahl der Passagiere stärker stieg, sanken die durchschnittlichen Ausgaben pro Passagier leicht auf 10,55 Euro.
Globale Trends und geopolitische Auswirkungen
Global gesehen ist diese Entwicklung noch deutlicher. Eine Studie der Beratungsgesellschaft Kearney sieht die Ausgaben pro Passagier seit 2020 „im freien Fall“. Lagen sie 2019 noch bei 24,30 Dollar, waren sie 2024 schon auf 15,50 Dollar gefallen – Tendenz wohl weiter sinkend. Denn der Irankrieg dürfte starke Auswirkungen auf das Reisegeschäft haben. So wies die börsennotierte Avolta AG, mit einem Jahresumsatz von umgerechnet knapp 15 Milliarden Euro die globale Nummer eins der Branche, im ersten Quartal ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 4,7 Prozent aus. Ohne die Belastungen aus dem Nahen Osten hätte es bei 5,9 Prozent gelegen. Auch Lagardère schrieb in der Präsentation zu den Ergebnissen des ersten Quartals, dass der Krieg im Nahen Osten den Luftverkehr und die Ausgaben der Konsumenten belaste. Das Unternehmen vertraue aber darauf, dass sein resilientes Geschäftsmodell die Folgen abmildere.
Wachstumsfelder: Bahnhöfe und Zoos
Um in diesem Umfeld das Wachstum hochzuhalten, setzt Lagardère-Deutschlandchef Halfmann auf zwei Strategien: Das Unternehmen sucht Märkte abseits des Flugverkehrs und entwickelt neue Konzepte, die die Ausgabefreudigkeit der Kunden erhöhen sollen. Ein wichtiges Wachstumsfeld neben den Flughäfen ist die Deutsche Bahn. „Wir wollen an den Top-10-Bahnhöfen unseren Umsatz bis 2030 um rund 30 Prozent steigern“, sagte Halfmann. Das Unternehmen beobachtet aktuell, dass trotz der oft kritisierten Verspätungsproblematik viele Reisen auf die Bahn verlegt werden – auch weil durch die weltpolitischen Spannungen der Deutschlandtourismus beliebter wird. Im Bahngeschäft spüre Lagardère insbesondere an den großen Bahnhöfen einen bis zu zweistelligen Zuwachs der Umsätze, sagte Halfmann.
Mit der Übernahme von Marché ist Lagardère daneben zum Marktführer in deutschen Zoos geworden. In acht deutschen Zoos versorgt Marché zurzeit die Besucher. In Karlsruhe übernahm das Unternehmen im vergangenen Jahr die Gastronomie, weitere Neueröffnungen sind geplant.
Individuelle Restaurantkonzepte für Flughäfen
Entscheidender Wachstumsfaktor bleiben allerdings die Flughäfen. Doch dieses Geschäft ist aufwendig: Dort werden die Gastronomie- und Handelsflächen meist in größeren Paketen per Ausschreibung vergeben. Und es ist mit hohen Investitionen verbunden. In diesem Jahr investiert Lagardère dafür 16 Millionen Euro. „Seit wir in Deutschland aktiver am Wachstum teilnehmen, also seit 2022, ist es uns gelungen, alle Ausschreibungen zu gewinnen, an denen wir teilgenommen haben“, sagte Halfmann. Zuletzt hatte Lagardère die Konzessionen für elf neue Stores am Flughafen Düsseldorf und für zehn Gastronomieflächen am neuen Terminal 3 in Frankfurt gewonnen.
Die Ansprüche an die Betreiber werden dabei immer höher. „Wo es früher ein Fläschchen Wasser und ein Sandwich gab, haben Sie heute richtige Restaurant-Erlebnisse – im Ausland teilweise sogar Sterneküche“, sagte der Lagardère-Manager. Man spüre, dass Airports sich mehr und mehr als Marktplatz verstünden und an verbesserte Aufenthaltsqualität dächten. „Früher war es eher eine klassische Vermietungsphilosophie, da zählte ausschließlich der Ertrag pro Quadratmeter.“ Das Unternehmen entwickelt deshalb zunehmend eigene neue Konzepte, die auf den Standort zugeschnitten sind, oft mit bekannten Unternehmern. Ein Beispiel ist das Neni Deli, das Lagardère zusammen mit der Familie Molcho am Terminal 3 in Frankfurt betreibt. In solchen Konzepten, die zusätzliche Aufenthaltsqualität schaffen, sind die Ausgaben pro Passagier nach Angaben von Lagardère teilweise doppelt so hoch wie in klassischen Modellen.
Zukunftshoffnung Duty-Free-Geschäft
„Dadurch haben wir die Entwicklung selbst in der Hand, wenn sich Kaufverhalten oder Erwartungen ändern, können wir sofort reagieren“, sagte Halfmann. Die Komplexität steige, aber sie werde zum Wettbewerbsvorteil – wenn man sie beherrsche. „Wir können uns damit von den Konkurrenten differenzieren.“ Das kommt offenbar auch bei den Flughäfen gut an. Die Auswahl der Gastronomiepartner für das Terminal 3 habe auf hohen qualitativen Ansprüchen an Küche und Service basiert, sich aber auch an Innovationskraft orientiert, sagte Fraport-Vorständin Julia Kranenberg dem Handelsblatt. „Die von Lagardère Travel Retail eingebrachten Restaurantideen entsprachen diesen komplexen Anforderungen.“ Sie attestiert dem Unternehmen eine „herausragende Expertise“.
Einen großen Sprung könnte Lagardère in Deutschland machen, wenn das Unternehmen auch ins klassische Duty-Free-Geschäft einsteigen würde. Doch die Markteintrittsbarrieren in diesem Geschäftsfeld seien relativ hoch, sagte Halfmann, die Lieferketten seien anders, die Regularien auch. An Expertise mangelt es immerhin nicht: Global macht der Travel-Retail-Arm des Unternehmens den größten Teil seines Umsatzes von mehr als sechs Milliarden Euro mit Duty Free. Doch der entscheidende Faktor ist: Für einen Einstieg braucht man Volumen. „Wir würden sofort einsteigen, wenn wir eine Chance hätten, eine größere Ausschreibung zu gewinnen – etwa in Frankfurt oder in München“, sagte der Lagardère-Chef, „doch aktuell sind hier keine Ausschreibungen in den nächsten zwei bis drei Jahren zu erwarten.“



