Das Insurtech Neodigital gibt seine Bafin-Lizenz als Schaden- und Unfallversicherer zurück und überträgt seine Vertragsbestände an Adam Riese, eine Tochter der Württembergischen Versicherung. Das hat das Handelsblatt vorab erfahren. Neodigital will sich künftig voll darauf konzentrieren, seine Technologie-Plattform weiter auszubauen.
Ende einer Ära: Insurtechs geben Lizenz zurück
Damit ist die Ära der deutschen Versicherungs-Start-ups, die die Branche digitalisieren und neu erfinden wollten, praktisch vorbei. In den vergangenen Jahren hatten bereits mehrere Insurtechs ihren Status als Versicherer wieder aufgegeben. Das gilt etwa für das Heidelberger Start-up Getsafe und den Gewerbeversicherer Mailo. Insurtechs sind Technologiefirmen, die Versicherungen digital anbieten.
Von den Insurtechs, die aus der Gründungswelle ab dem Jahr 2015 hervorgegangen waren, verfügt aktuell noch der Krankenversicherer Ottonova über eine Bafin-Lizenz. Uwe Stuhldreier, Vorstandsmitglied bei Allianz Direct, sagte auf einer Handelsblatt-Veranstaltung: „Aus einem Hype ist große Ernüchterung geworden. Viele sind geräuschlos verschwunden, andere sind leider geräuschvoll verschwunden.“
Adam Riese wird neuer Plattformkunde
Die bestehenden Neodigital-Verträge wird die Württembergische Versicherung auf ihre Bücher nehmen. Neodigital wiederum gewinnt mit Adam Riese, der Digitalmarke des schwäbischen Versicherers, einen neuen Kunden und wird die zusammengeführten Versicherungsbestände beider Unternehmen künftig auf seiner Plattform betreuen. Finanzielle Details der Transaktion wurden nicht bekannt.
Das Geschäftsmodell, einen lizenzierten Versicherer mithilfe von Risikokapital aufzubauen, ist somit gescheitert – und die Gründe hierfür sind vielfältig. Seit dem Ende der Niedrigzinsphase sahen sich die Insurtechs dem wachsenden Druck der Investoren ausgesetzt. Mit den steigenden Kreditzinsen erhöhten sich auch die Renditeanforderungen der Anteilseigner, die zuvor viel Geld in Start-up-Finanzierungen gesteckt hatten: Sie achteten verstärkt auf Profitabilität statt auf Wachstum.
Zudem ist das Versicherungsgeschäft stark reguliert und der nötige Kapitaleinsatz entsprechend hoch. Für die Insurtechs zahlten sich der Aufwand und die Kosten für die Versicherungslizenz in der Regel nicht aus. Echte Innovationen durch die Start-ups blieben aus. Denn auch die etablierten Player steckten teils große Summen in die Digitalisierung.
Finanzielle Schwierigkeiten und Marktaustritte
Einige Insurtechs schieden daher nach finanziellen Schwierigkeiten aus dem deutschen Markt aus. Zu ihnen zählten Coya, später unter dem Namen Luko bekannt, und Wefox, dessen Versicherer mit einer Lizenz aus Liechtenstein operierte. Zudem rutschte der Berliner Digitalversicherer Element in die Insolvenz. Die Bafin stellte fest: Für die Insurtechs zahlte sich der Aufwand und die Kosten für die Versicherungslizenz in der Regel nicht aus.
Daneben gibt es im Versicherungssegment auch zahlreiche Anbieter ohne Bafin-Lizenz, die als digitale Makler oder Assekuradeure tätig sind. Letztere entwickeln und vertreiben Versicherungen, tragen das finanzielle Risiko aber nicht selbst, sondern geben es ab an ein oder mehrere Versicherer, die im Hintergrund bleiben. Mit dem Geschäftsmodell sind heute auch Getsafe und Mailo am Markt aktiv – Getsafe weiterhin mit der Zielgruppe der jungen Erwachsenen und Mailo mit Gewerbekunden.
Doch auch bei den Start-ups ohne Versichererstatus läuft nicht alles rund, wie das Beispiel Clark zeigt: Nach Umsatzrückgängen befindet sich der Frankfurter Versicherungsmakler, der einst auf eine Milliardenbewertung kam, in einer Transformationsphase.
Neodigital setzt auf Plattformgeschäft
Gleichwohl gehen viele Branchenbeobachter davon aus, dass sich Tech-Firmen ohne Bafin-Lizenz leichter am Markt etablieren können. Denn sie müssen keine hohen Offenlegungspflichten erfüllen und benötigen weniger Kapital. Diesen Weg geht nun auch Neodigital und stellt sein Geschäftsmodell um. Gründer und Chef Stephen Voss will die Lizenzrückgabe vor allem als Strategiewechsel verstanden wissen: „Neodigital kann sich künftig vollumfänglich auf sein erprobtes und innovatives Insurance-as-a-Service-Modell konzentrieren“, sagt er dem Handelsblatt.
Das Unternehmen habe eine Plattform aufgebaut, die die Verwaltung von Versicherungsbeständen modernisiere und automatisiere. Zielgruppe dieses Angebots sind Versicherer und Assekuradeure. Zu den bisherigen Partnern zählen die Alte Oldenburger Krankenversicherung und die Süddeutsche Krankenversicherung. Mit der Übertragung des eigenen Vertragsbestands an Sach-, Haftpflicht- und Unfallversicherungen an den Anbieter Adam Riese kommt dieser nun als neuer Plattformkunde hinzu.
Der Abschluss der Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt der erforderlichen behördlichen und regulatorischen Genehmigungen und wird für dieses Jahr erwartet.
Zahlen und Ausblick
Mit über 400.000 Kunden erzielte die Neodigital Versicherung im Geschäftsjahr 2025 Bruttobeitragseinnahmen von rund 38 Millionen Euro, bei Adam Riese waren es gut 47 Millionen Euro. Der Zusammenschluss der Vertragsbestände hat laut Neodigital keine Auswirkungen auf den vereinbarten Leistungsumfang der Policen. Kundenbeziehungen und Partnerschaften würden fortgeführt.
Unberührt von den anstehenden Veränderungen bleibt zudem die Kfz-Sparte: Das 2023 als Joint Venture mit der Huk-Coburg gegründete Unternehmen Neodigital Autoversicherung gehört seit Ende 2025 vollständig der Huk-Coburg, Marktführer in der Kfz-Versicherung. Neodigital ist mit seiner Plattform aber weiterhin für die Betreuung und Vermarktung der Policen zuständig.



