Konsumflaute: 79% der Händler nennen Kaufzurückhaltung als größtes Problem
Konsumflaute: 79% der Händler nennen Kaufzurückhaltung als Problem

Die Konsumflaute in Deutschland setzt dem Einzelhandel massiv zu. Laut einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter 600 Unternehmen nennen 79 Prozent der Händler die Kaufzurückhaltung der Kunden als drängendste Herausforderung. Die Sparquote ist hoch, weil die Verbraucher nicht an die Zukunft glauben, erklärt HDE-Präsident Alexander von Preen.

Konsumstimmung auf Niveau des Corona-Lockdowns

Trotz eines leichten Aufwärtstrends bleibt die Konsumstimmung stark getrübt. Aktuelle Befragungen des HDE und des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen (NIM) zeigen, dass die Verbraucherstimmung auf dem Stand des zweiten Corona-Lockdowns liegt. „Die Situation ist noch dramatischer als sie es im eher bescheidenen Vorjahr bereits war“, sagt von Preen. Zwei Dinge könnten die Kauflaune aus Sicht des Handelsverbands deutlich heben: ein Ende der internationalen Krisen, wie etwa im Iran, und steuerliche Entlastungen – also mehr Netto vom Brutto.

Inflationsschock hallt nach

Die größte Sorge der Menschen hierzulande ist laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die wirtschaftliche Lage. Im internationalen Vergleich fällt die Einschätzung in Deutschland besonders kritisch aus: 51 Prozent bewerten die Situation negativ, nur 18 Prozent positiv. Ein Hauptgrund sind die gestiegenen Preise. Die Inflation hat sich zuletzt zwar deutlich abgeschwächt, doch die Folgen der Teuerungswelle der Vorjahre sind im Alltag noch spürbar, vor allem beim Lebensmitteleinkauf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Nahrungsmittelpreise seit 2020 im Schnitt um 37 Prozent gestiegen. Laut einer Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung wurden die Kaufkraftverluste durch höheren Mindestlohn sowie Tarif- und Rentenerhöhungen inzwischen ausgeglichen. Dennoch fühlt sich eine Mehrheit der Menschen immer noch schlechter aufgestellt als vor fünf Jahren und schränkt sich beim Konsum ein.

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Wachstum nur im Onlinehandel erwartet

Die Krise trifft nicht alle gleich. Die Umsätze im stationären Handel stagnieren laut HDE-Prognose 2026 voraussichtlich, während der Onlinehandel deutlich zulegt. Für das laufende Jahr wird ein reales Umsatzplus von 3,5 Prozent erwartet. Das Internet hat die Konsumgewohnheiten grundlegend verändert: Verbraucher können rund um die Uhr einkaufen, die Ware kommt schnell, die Auswahl ist groß und Preisvergleiche sind einfach. In Warengruppen wie Bekleidung oder Elektronik ist der Onlinekauf bereits Standard.

Asiatische Plattformen gewinnen an Bedeutung

Neben Amazon spielen asiatische Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress eine wachsende Rolle. Im zweiten Quartal entfielen 5,3 Prozent der Onlinehandelsumsätze in Deutschland auf sie – ein Rekordwert, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland berichtet. Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre Umsätze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro. Viele Verbraucher bestellen trotz Bedenken bei der Produktqualität bei Temu und Shein, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. Der extreme Preisreiz hebele Sorgen systematisch aus. Das Forschungsinstitut IW Consult hat im Auftrag des HDE untersucht, wie stark Temu und Shein dem Einzelhandel zusetzen. Der Branche entgehen demnach jährlich Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Laut HDE entfällt etwa ein Drittel des Onlinewachstums 2026 auf Temu und Shein.

Discounter profitieren, Mittelstand unter Druck

Vom hohen Preisbewusstsein profitieren auch Discounter wie Action oder Woolworth, die nach Angaben des Handelsforschungsinstituts IFH Köln in vielen Warengruppen zunehmend die Rolle des Fachhandels übernehmen. Handelsexperte Kai Hudetz sieht einen „Verlust der Mitte“: Das Preiseinstiegssegment sowie Premium- und Luxusangebote gewännen an Bedeutung, mittlere Preislagen gerieten unter Druck.

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Stimmung im Einzelhandel wird immer schlechter

Laut HDE-Umfrage geben 63 Prozent der Händler an, ihre Geschäftslage habe sich im ersten Halbjahr verschlechtert – vor einem Jahr waren es 51 Prozent. Zwei Drittel erwarten 2026 niedrigere Umsätze als im Vorjahr, lediglich 18 Prozent höhere. Jeder sechste Einzelhändler fürchtet laut Ifo-Institut inzwischen um die Existenz, so viele wie nie zuvor. Die Zahl der Insolvenzen erreichte 2025 nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade den höchsten Stand seit zehn Jahren. 2026 blieb das Niveau hoch, schwächte sich aber leicht ab. Der Dekohändler Depot und die Baumarktkette Hellweg stellten kürzlich Insolvenzanträge. Zehntausende Geschäfte schlossen bereits in den vergangenen Jahren. Der HDE erwartet, dass die Zahl der Geschäfte 2026 auf unter 300.000 sinkt – Ende 2015 waren es noch etwa 372.000. Knapp 80 Prozent der Händler berichten laut HDE-Umfrage, dass ihre Kundenfrequenz in den vergangenen zwei Jahren gesunken ist. Um das stationäre Geschäft zu beleben, fordert HDE-Präsident von Preen eine Lockerung der Regeln zu Sonntagsöffnungen. Unterstützung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer: Präsident Peter Adrian spricht sich für eine Grundgesetzänderung aus, um die Rechtslage für verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klären.