Digitale Trinkgeld-Abfrage erreicht den Einzelhandel
Die Frage „Möchten Sie Trinkgeld geben?“ ist in Restaurants bei Kartenzahlung längst Standard. Jetzt könnte sie bald auch an der Kasse im Einzelhandel auftauchen. Erste Händler testen das Modell bereits. So fragen Filialen der Schuhketten Aktiv Schuh und Shoe City ihre Kunden bei Kartenzahlungen nach einem freiwilligen Zuschlag. Das eingenommene Geld wird laut Unternehmensangaben unter den Beschäftigten verteilt. Auch andere Händler erproben das Konzept intern, um die Reaktionen der Kunden zu bewerten.
Mehrheit der Kunden lehnt Trinkgeld im Geschäft ab
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt jedoch: Die Mehrheit der Deutschen hält wenig von Trinkgeld im Einzelhandel. Nur 27 Prozent der Befragten können sich vorstellen, bei guter Beratung zusätzlich Geld zu geben. Rund zwei Drittel lehnen die Idee komplett ab. Besonders jüngere Kunden zeigen sich offener für das Konzept, während ältere Generationen skeptisch bleiben. Dennoch sehen Experten bislang keinen echten Trend zu flächendeckenden Trinkgeld-Abfragen.
Große Ketten halten sich zurück
Große Handelsketten wie Galeria, Bauhaus, H&M oder Deichmann planen nach aktuellem Stand keine Einführung solcher Abfragen. Auch in Supermärkten oder Discountern, wo Schnelligkeit an der Kasse entscheidend ist, gelten Trinkgeld-Abfragen als unpraktisch. Der Handelsverband für Textil, Schuhe und Lederwaren hält es jedoch für denkbar, dass die digitale Trinkgeld-Frage im Modehandel Schule machen könnte. Die Idee: Gute Beratung – etwa bei der Größenwahl oder Pflegetipps – soll belohnt werden. Moderne Kartenterminals machen es technisch einfach, beim Bezahlen einen Prozentsatz auszuwählen.
Gewerkschaft Verdi warnt vor Abwälzung der Lohnverantwortung
Kritik kommt von mehreren Seiten. Die Gewerkschaft Verdi schlägt Alarm: „Unternehmen dürfen die Verantwortung für faire Löhne nicht auf die Kunden abwälzen“, warnt ein Sprecher. Gute Bezahlung müsse über Tariflöhne geregelt werden – nicht über freiwillige Zuschläge an der Kasse. Auch Verbraucherschützer sehen Gefahren. Wer beim Bezahlen plötzlich vor den Optionen „3 Prozent“, „5 Prozent“ oder „7 Prozent“ steht, könnte sich unter Druck gesetzt fühlen. Problematisch wird es laut Experten vor allem dann, wenn die Ablehnung kompliziert ist oder der Eindruck entsteht, Trinkgeld sei quasi Pflicht. Ob sich die digitale Trinkgeld-Frage im Einzelhandel durchsetzt, bleibt abzuwarten – die Skepsis ist zumindest groß.



