EZB belässt Leitzins bei 2,25 Prozent
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen im Euroraum trotz anhaltender Inflationsgefahren vorerst unverändert gelassen. Nach einer Zinserhöhung im Juni, der ersten seit fast drei Jahren, entschieden sich die Währungshüter für eine geldpolitische Pause. Der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt bei 2,25 Prozent. Eine weitere Anhebung könnte im September folgen, wenn der EZB neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur vorliegen.
Iran-Krieg treibt Ölpreise
Die Risiken für die Teuerung sind nicht gebannt, solange der Iran-Krieg andauert. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran treibt die Ölpreise in die Höhe. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet inzwischen mehr als 100 US-Dollar. „Die Unsicherheit ist nach wie vor hoch, und die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation sind noch nicht vollständig zum Tragen gekommen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung des EZB-Rates in Frankfurt.
Umfragen zufolge wollen viele Unternehmen die gestiegenen Energiekosten auf ihre Verkaufspreise umwälzen. Da Europa Netto-Importeur von Energie ist, schlagen die hohen Preise unmittelbar auf die Teuerung durch.
Inflation leicht rückläufig
Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hatte die Teuerung in den vergangenen Monaten kräftig nach oben getrieben. Im Juni schwächte sich der Preisauftrieb jedoch ab. Die Verbraucherpreise im Euroraum lagen um 2,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, nach 3,2 Prozent im Mai. In Deutschland dämpfte der Tankrabatt den Preisauftrieb, die Inflationsrate sank auf 2,3 Prozent.
Die EZB sieht Preisstabilität mittelfristig bei zwei Prozent Inflation im Euroraum gewahrt. Mit höheren Zinsen kann sie die Inflation dämpfen, weil Kredite teurer werden und die Nachfrage gebremst wird. Allerdings sind höhere Zinsen eine Belastung für Investitionen.
Zinserhöhung im September erwartet
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, analysiert: „Bei Rohölpreisen von wieder um die 100 US-Dollar werden die kommenden Inflationsraten wieder anziehen. Das kann der EZB nicht gefallen.“ Die Notenbank werde im September entscheiden, ob ein weiterer Zinsschritt notwendig sei. Andreas Bley, Chefvolkswirt des Bankenverbandes BVR, ergänzt: „Angesichts der Lage am Persischen Golf stehen die Zeichen aktuell auf eine Zinserhöhung im September.“
Die Bauzinsen in Deutschland bewegen sich einer Übersicht des Geldratgebers Finanztip zufolge vergleichsweise stabil nahe der Vier-Prozent-Marke. Ein weiterer Zinsschritt der EZB bis zum Jahresende sei bei den Bauzinsen bereits eingepreist, sagt Finanztip-Experte Dirk Eilinghoff.
Sparer könnten profitieren
Sparer könnten von steigenden Leitzinsen profitieren, allerdings nur, wenn Banken und Sparkassen die besseren Konditionen an ihre Kundschaft weitergeben. Nach der jüngsten Leitzinserhöhung im Juni war das gerade einmal bei jedem sechsten von 823 Geldhäusern in Deutschland der Fall (17 Prozent), wie eine Auswertung des Vergleichsportals Verivox ergab. Im Schnitt seien die Tagesgeldzinsen bei diesen Instituten um 0,18 Prozentpunkte angehoben worden. Durchschnittlich bringt Tagesgeld bei bundesweit verfügbaren Angeboten derzeit 1,38 Prozent Zinsen. Einige Banken locken Neukunden zeitweise mit bis zu 4 Prozent aufs Tagesgeld.
EZB-Präsidentin Lagarde bleibt
EZB-Präsidentin Lagarde bezeichnete die jüngste Entwicklung am Persischen Golf als alarmierend. Spekulationen, sie könnte im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in Frankreich vorzeitig als EZB-Präsidentin abtreten, trat die Französin entgegen. Sie werde nicht vor 2027 gehen, sagte sie. „Wenn sich am Horizont Wolken abzeichnen, bleibt der Kapitän auf dem Schiff. Und es sind Wolken am Horizont zu sehen“, bekräftigte Lagarde.
Ausblick
In ihrer jüngsten Prognose aus dem Juni geht die EZB davon aus, dass die Teuerungsrate im Euroraum im Schnitt des laufenden Jahres wegen des Iran-Kriegs bei 3,0 Prozent liegen wird. Eine neue Preiswelle wie in der Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 will die Notenbank unbedingt verhindern. Damals stand die EZB in der Kritik, den Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf mehr als zehn Prozent hoch, in Deutschland verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Die Preiserhöhungen wirken bis heute nach: Nahrungsmittel sind rund ein Drittel teurer als 2019.



