Frühstart und Dino-Plakate: Berlins kurioser Wahlkampf-Auftakt
Frühstart und Dino-Plakate: Berlins kurioser Wahlkampf

In der Weserstraße in Neukölln klebten bereits am Samstagnachmittag die ersten Wahlplakate von SPD, Linken und Grünen – einen Tag vor dem offiziellen Beginn. Am Kottbusser Damm hing schon am Samstag ein Plakat der SPD-Kandidatin Anne Roever. Und das BSW in Lichtenberg hatte in der Nacht zu Samstag vor einem Einkaufszentrum plakatiert und den Aktion sogar auf X dokumentiert.

Der offizielle Startschuss fiel erst am Sonntag um 12 Uhr. Das Berliner Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen werden am 20. September neu gewählt. Sieben Wochen vorher sind die Parteien nun sichtbar im Wahlkampf. Nach eigenen Angaben wollen die fünf im Landesparlament vertretenen Parteien sowie FDP und BSW insgesamt rund eine Viertelmillion Wahlplakate an Laternen, Zäunen und Wänden anbringen.

Erstmals wurde diesmal tagsüber plakatiert, nicht mitten in der Nacht. So sollte verhindert werden, dass einzelne Parteien heimlich früher loslegen. Ganz geklappt hat das nicht, wie die Beispiele aus Neukölln, Lichtenberg und Pankow zeigen.

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Dino-Werbung stiehlt den Parteien die Show

Wer am Sonntagmittag durch Friedrichshain lief, sah vielerorts ein ungewohntes Bild: An den Masten hingen zuerst Plakate einer Bühnen-Show mit Roboter-Dinosauriern für Kinder. Hunderte dieser Motive säumten die Straßen und blockierten genau jene Stellen, die Parteien für sich gewinnen wollten. Die Konkurrenz war also nicht politisch, sondern urzeitlich.

Der Grünen-Helfer Jonas Gräber zog mit einem Lastenrad an den Cafés und Spätis der Warschauer Straße entlang und befestigte Plakate an den Laternen. Die hohen Dino-Plakate, die schon hingen, machten ihm das Leben schwer: „Die Dinos hängen einfach zu hoch“, klagte er. Ein anderer Helfer scherzte: „Könnte man sie wählen, würden die Dinos gewinnen.“

Ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Konkurrenz

Dass die besten Plätze schnell vergeben sind, ärgert vor allem kleinere Parteien. Für sie ist die Plakatierung eine der wenigen Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen. Christoph König, Kandidat der Kleinstpartei Volt in Friedrichshain-Kreuzberg, plakatierte entlang der Frankfurter Allee. Er schätzte die Umstellung auf den Tag: „Fürs Plakatieren tagsüber kann man viel leichter Leute mobilisieren. Das ist gerade für uns als kleine Partei wichtig.“ Dabei lieferte er sich mit zwei BSW-Helfern ein freundliches Rennen um die Masten. Dass seine Konkurrenz in Lichtenberg zu früh startete, hatte ihn zwar geärgert, doch der Umgang unter den Ehrenamtlichen blieb hilfsbereit und freundlich. Am Ende war es wieder ein Dino, der den Vortritt hatte: „Wir können das Wahlplakat leider nicht weiter nach oben schieben“, sagte König. „Weil da schon wieder eins von den Dinos hängt.“

Frühstarter brechen die Absprachen

Die Freude über den geordneten Start währte nicht lange. Schon am Samstag hatten mehrere Parteien die geltenden Regeln missachtet. In der Weserstraße in Neukölln hingen am Nachmittag Plakate von SPD, Linken und Grünen. Am Kottbusser Damm war ein Plakat der SPD-Kandidatin Anne Roever zu sehen. Das BSW in Lichtenberg plakatierte vor einem Einkaufszentrum bereits in der Nacht zu Samstag und verbreitete Bilder davon auf X. Auch im Gleimviertel in Pankow waren SPD und Linke dem offiziellen Start am Sonntagvormittag voraus, berichtete der Grünen-Kreisvorsitzende Benjamin Budt. „Ich finde das unfair, ich finde das respektlos, ich finde das frustrierend“, sagte er. Die besten Stellen seien in Pankow schon nach den ersten zwei Stunden belegt.

Carsten Brücke von den Jusos in Lichtenberg kann den Unmut verstehen, mahnt aber zu Verhältnismäßigkeit. „Wenn es sich um Minuten oder meinetwegen Stunden handelt, ist das ja noch verträglich“, sagte der SPD-Helfer, der seit fünf Jahren bei Berliner Wahlkämpfen dabei ist. Helfen die Parteien dagegen Tage zu früh aus, sei das unfair. Brücke beherrscht das nötige Handwerk: Eine Minute bis anderthalb braucht er, um ein Wahlplakat zu „kabeln“, also zum Aufhängen vorzubereiten.

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Polizei muss einschreiten, Plakate werden zerrissen

Der erste offizielle Plakattag blieb auch nicht ohne Vorfälle. Ein AfD-Team wurde laut Berliner Polizei am Vormittag in der Gürtelstraße in Friedrichshain gestört. Gegen 9.20 Uhr hingen mehrere Parteimitglieder, darunter ein Abgeordneter des Landesparlaments, Plakate auf. Zwei Männer und eine Frau gingen die Gruppe verbal an und rüttelten an der Leiter, auf der ein AfD-Mann stand. Dieser setzte daraufhin Pfefferspray ein, das die Polizei später beschlagnahmte. Die beiden Störer mussten ambulant in einem Krankenhaus behandelt werden.

In Marzahn zeigte sich der Ärger über die Plakate an anderer Stelle: Am Helene-Weigel-Platz waren bereits um 13 Uhr Plakate von CDU und Linken angerissen – nur eine Stunde, nachdem sie offiziell aufgehängt worden waren. Ironischerweise war ausgerechnet in diesem AfD-Hochburg um die Mittagszeit kein einziges AfD-Plakat zu sehen. Auch in weiten Teilen Neuköllns und Pankows hatten die Rechten ihre besten Plätze noch nicht besetzt. AfD-Chefin Kristin Brinker erklärte auf Anfrage, der Wahlkampf habe begonnen; sie selbst sei in Steglitz-Zehlendorf unterwegs. Später am Tag säumten AfD-Plakate mehrere große Straßen im Berliner Osten.

Spitzenkandidaten packen selbst mit an

Zahlreiche Spitzenkandidaten nutzten den ersten Tag, um im Wahlkampf Flagge zu zeigen. Elif Eralp von der Linken half in Kreuzberg, Werner Graf von den Grünen in Reinickendorf. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und AfD-Chefin Kristin Brinker waren in Steglitz unterwegs, während der neue kommissarische CDU-Generalsekretär Lukas Krieger die Plakaten seiner Partei begleitete. Für die Helfer war die Umstellung auf den Tag eine deutliche Verbesserung, wie viele am Sonntag bestätigten.