Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) will die Gewalt an Schulen mit einem Bündel aus Prävention, mehr Sozialarbeitern und einem neuen Erlass eindämmen. Entscheidend sei, dass Kinder früh einen guten Umgang mit Konflikten lernen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Das Land plane deshalb, nicht nur mehr Lehrkräfte, sondern auch mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter einzusetzen.
Hintergrund: Sicherheitsdienste an Schulen in Wolfsburg
Im vergangenen Schuljahr hatte der Einsatz von Sicherheitsdiensten an mehreren Schulen in Wolfsburg für Aufsehen gesorgt. Hamburg bezeichnete diesen Schritt als eine drastische Maßnahme, die aber meist nicht dauerhaft genutzt werde. "Wir hatten auch in Hannover Schulen, die eine Zeit lang einen Securitydienst hatten, dann aber gleichzeitig sehr intensiv mit Eltern und Schülern gearbeitet haben, sodass sie die Security nach einiger Zeit nicht mehr brauchten", so die Ministerin. In Wolfsburg habe vornehmlich die Zerstörung von Schuleigentum zu dem Schritt geführt.
Ursachen: Vielfältige Gründe für Gewalt an Schulen
Die Gründe, warum manche Schulen überhaupt einen Sicherheitsdienst benötigen, sind laut Hamburg vielfältig. "Häufig passiert das dann, wenn man viele junge Menschen hat, die alle sehr stark Unterstützung und Begleitung brauchen und im Elternhaus gar nicht so viel Begleitung erfahren", sagte sie. "Wir setzen deshalb auf zusätzliches Personal – nicht nur mehr Lehrkräfte, sondern auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen."
Auch die Eltern sieht Hamburg in der Verantwortung. "Konflikte gut händeln zu können, sich streiten zu können, auch mal eine Diskussion auszuhalten, das sind Dinge, die man lernen muss. Wenn man sie zu Hause nicht gelernt hat, dann brechen die sich auch in der Schule Bahn", sagte die Vize-Regierungschefin. "Viele Elternhäuser leben das auch nicht mehr in dem Maße vor, wie wir das vielleicht noch von früher kennen."
Zahlen: Leichter Rückgang, aber hohes Niveau
Insgesamt seien Straftaten und Gewalt an den Schulen zuletzt leicht zurückgegangen. "Nach dem Anstieg nach der Corona-Pandemie haben sich die Zahlen beruhigt, wenn auch auf hohem Niveau", sagte Hamburg. "Trotzdem sind die Zahlen zu hoch, in Teilen gibt es auch eine neue Qualität von Gewaltfällen."
In der Polizeistatistik standen für 2025 knapp 5.000 Straftaten im Kontext Schule – das waren 375 weniger als im Vorjahr, aber 790 mehr als vor zehn Jahren. Vor allem Körperverletzungen sind im Zehnjahresvergleich deutlich häufiger geworden (plus 948 Fälle), aber auch Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden öfter registriert (plus 205 Fälle). Das Landeskriminalamt (LKA) sieht darin auch ein verändertes Anzeigeverhalten wegen höherer gesellschaftlicher Sensibilisierung und mehr Prävention. Die erfassten Diebstähle gingen dagegen klar zurück (minus 1.007 Fälle).
Opfer: Kinder und Jugendliche besonders betroffen
Kinder und Jugendliche zählen laut LKA deutlich häufiger zu den Opfern als Erwachsene. Rund 87 Prozent aller im Schulkontext erfassten Opfer im Jahr 2025 seien minderjährig gewesen. Zudem sind der Statistik zufolge etwa zwei von drei Opfern männlich.
Die aktuelle Entwicklung der Gewaltkriminalität scheint derweil zu stagnieren: Für das erste Quartal 2026 registrierte die Polizei Gewalttaten im Schulkontext im unteren dreistelligen Bereich. Im Vergleich zum ersten Quartal 2025 hätten sich damit sowohl bei den Fallzahlen als auch bei den Zahlen zu Tatverdächtigen und Opfern keine wesentlichen Veränderungen gezeigt, so das LKA.
Neuer Erlass: Auch digitale Gewalt im Fokus
Helfen, die Gewalt einzudämmen, soll auch ein neuer Erlass zur Gewaltprävention, den die Landesregierung schon seit längerem in Aussicht gestellt hat. "Wenn man früh ansetzt mit den Kindern, kann man Gewalttaten oft verhindern. Deswegen kommt der Erlass jetzt sehr bald raus", sagte Hamburg. "Das brauchte seine Zeit, weil wir auch neuere Gewaltphänomene, gerade digitale Gewalt, berücksichtigen wollten."
Digitales Mobbing oder Cybergrooming, also die digitale Ansprache von Minderjährigen mit dem Ziel des sexuellen Missbrauchs, gebe es an den Schulen schon lange. Bisher habe es dafür aber keine Definitionen gegeben – das solle sich ändern: "Mit dem neuen Erlass schaffen wir dafür jetzt überhaupt erst mal eine Sprache und einen Tatbestand", sagte Hamburg. Außerdem soll der Erlass die Zusammenarbeit der Schulen mit Jugendhilfe, Justiz und Polizei neu regeln und auch speziell auf Gewalt gegen Lehrkräfte eingehen.
Opposition fordert Null-Toleranz-Politik
Die oppositionelle CDU hatte Ende 2025 härtere Konsequenzen für gewalttätige Schülerinnen und Schüler gefordert. "Wichtig ist, dass es am Ende eine klare Null-Toleranz-Politik gibt", sagte Fraktionschef Sebastian Lechner im November. In extremen Fällen sollten gewalttätige Jugendliche psychiatrisch untergebracht werden, etwa nach dem dritten Schulverweis. Auch eine Gesetzesänderung, um wiederholt gewalttätige Jugendliche leichter in Haft zu nehmen, brachte Lechner damals ins Spiel.



