Hamburg – Die Verlegerin Julia Bielenberg hat mit drastischen Worten vor einem fortschreitenden Verfall des Bildungsniveaus in Deutschland gewarnt. Im Interview mit dem „Handelsblatt“ erklärte die Chefin des Hamburger Oetinger-Verlages, dass die Defizite keineswegs nur einzelne Milieus beträfen: „Das Bildungsniveau geht seit Jahren katastrophal nach unten – und zwar unabhängig vom sozialen Milieu.“ Besonders alarmierend sei die Lage bei der Lesekompetenz. Jedes vierte Kind, das die vierte Klasse verlasse, könne nicht sinnentnehmend lesen. „Das ist dramatisch“, so Bielenberg.
Die Verlegerin zog einen Vergleich mit dem Straßenverkehr, um das politische Versagen zu illustrieren. „Ich vergleiche das gern mit der Autobahn: Wenn jedes vierte Auto liegen bliebe, würde man sofort Maßnahmen schnüren. Wenn jedes vierte Kind nicht lesen kann, passiert aber nichts.“ Diese Diskrepanz zeige, wie wenig Aufmerksamkeit dem Thema Bildung in der Politik zuteilwerde.
„Wir stecken den Kopf nicht in den Sand“
Die sinkende Lesefähigkeit der Kinder sei auch im Verlagswesen deutlich zu spüren, räumte Bielenberg ein. Dennoch zeigte sich die Verlegerin kämpferisch und optimistisch: „Wir stecken den Kopf aber nicht in den Sand, sondern sagen: Jetzt erst recht, dann machen wir es anders.“ Der Verlag verstehe sich als Experte fürs Geschichtenerzählen – und Geschichten ließen sich auch in andere Formate gießen als das klassische Buch. „Das muss nicht zwingend das Buch sein.“
Als konkretes Beispiel nannte Bielenberg eine interaktive Erlebniswelt zur erfolgreichen Kinderbuchreihe „Die Olchis“, die im Oktober in Hamburg eröffnet werden soll. Solche Angebote könnten Kinder dort abholen, wo sie sich heute mit Medien beschäftigen, und so neue Zugänge zum Erzählen schaffen.
Forderung nach Sprachförderung und „Elternführerschein“
Um der Bildungsmisere entgegenzuwirken, verlangt die Oetinger-Chefin eine deutliche Ausweitung der frühkindlichen Sprachförderung. Bereits mit dem Schuleintritt sollten alle Kinder über ein vergleichbares Sprachniveau verfügen, sagte Bielenberg. Zudem sprach sie sich für ein neues Instrument aus: „Und es muss eine Art Elternführerschein geben.“
Zur Begründung führte sie an, dass viele Kinder bei der Einschulung selbst einfachste Aufgaben nicht bewältigen könnten. „Da muss eine Erwartungshaltung an die Eltern formuliert werden“, betonte die Verlegerin. Diese Erwartungshaltung dürfe sich nicht nur auf schulische Belange beschränken, sondern müsse die gesamte Verantwortung der Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder umfassen.
„Wir sind vom Mittelmaß regiert“
Kritik übte Bielenberg auch an der Bildungspolitik im Allgemeinen. „Ich habe das Gefühl, wir sind vom Mittelmaß regiert“, sagte sie dem „Handelsblatt“. Es brauche einen grundlegenden Wandel in der Haltung der Gesellschaft: „Es muss sich etwas im Mindset verändern, gesamtgesellschaftlich.“ Politisches Handeln allein reiche nicht aus; nötig sei ein breites Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung und Leseförderung.
KI-generierte Bücher: Oetinger zieht klare Grenzen
Ein weiteres Thema des Interviews war der Umgang mit künstlicher Intelligenz in der Literatur. Bielenberg stellte klar, dass der Oetinger-Verlag keine KI-generierten Manuskripte verlegt. In den Verträgen mit Autorinnen und Autoren sei vertraglich ausgeschlossen, dass generative KI – also Software, die eigenständig neue Inhalte erzeugt – zur Erstellung von Büchern genutzt wird. „Wir unterscheiden sehr deutlich zwischen Mensch und KI“, erklärte die Verlegerin.
Gänzlich ablehnend zeigte sie sich gegenüber KI jedoch nicht. Wenn ein bekannter Autor des Verlages einen Versuch starten wolle, seine Geschichten mithilfe von KI weiterzuentwickeln oder auszuweiten, würde sie sich das anhören. Allerdings müsse dies unter klar festgelegten Prämissen geschehen, so Bielenberg. Die Grenzen zwischen menschlicher Kreativität und maschineller Unterstützung müssten dabei transparent und nachvollziehbar bleiben.
Ein Verlag mit Tradition und bekannten Klassikern
Der Oetinger-Verlag blickt auf eine lange Geschichte zurück. Er wurde 1946 vom Buchhändler Friedrich Oetinger gegründet. Zu den bekanntesten Titeln des Medienhauses zählen Klassiker wie „Pippi Langstrumpf“, „Pettersson und Findus“ und „Das Sams“ sowie die Reihe „Die Olchis“. Auch Werke von prominenten Autorinnen und Autoren wie Cornelia Funke und Kirsten Boie erscheinen bei Oetinger. Das Verlagsprogramm steht damit für Kinderliteratur, die über Generationen hinweg Millionen Leserinnen und Leser erreicht hat.
Die Sorgen der Verlegerin um die Lesekompetenz sind vor diesem Hintergrund auch wirtschaftlich relevant: Wird das Lesen bei Kindern zur Seltenheit, gefährdet das letztlich das Geschäftsmodell vieler Kinderbuchverlage. Bielenberg setzt deshalb auf Innovation und neue Erzählformen, um Kinder weiterhin für Geschichten zu begeistern – im Buch und darüber hinaus.



