Ein Spaziergang durch die Späth’schen Baumschulen
Wir treffen uns auf dem Dorfplatz, wie Karoline Leu den zentralen Platz auf dem Gelände der Späth’schen Baumschulen nennt. Hier kann man in der Sonne sitzen, umgeben von Bäumen und Blumen, kann Essen bestellen oder im Hofladen einkaufen. Immer freitags gibt es hier abends Livemusik. Karoline Leu kennt und liebt diesen Ort seit ihrer Kindheit. „Meine Schwester und ich haben hier nachmittags oft gespielt“, sagt sie. Auch geholfen hätten sie in der Baumschule damals schon, bei der Kürbisernte etwa oder beim Aufbau der Sortenschauen.
Die neue Führungsgeneration
Karoline Leu und ihre Schwester Laura Lichtenheldt sind die Töchter von Holger Zahn. Der Gartenbauingenieur hat die Späth’schen Baumschulen zunächst als Verkaufsleiter und später als Geschäftsführer durch die letzten 30 Jahre geführt. 2015 wurde er Betriebsinhaber. Ende vergangenen Jahres hat er die Leitung des Unternehmens an seine beiden Töchter und Mitarbeiterin Susanne Schmohl übergeben. War das von Anfang an so geplant? Karoline Leu schüttelt den Kopf. Es gab keinen Druck diesbezüglich, sagt sie. „Höchstens die stille Übereinkunft, dass es irgendwann einmal so sein könnte.“ Sie habe nach ihrer Ausbildung in Visual Merchandising noch Landschaftsarchitektur studiert. 2021 habe sie dann in der Baumschule zu arbeiten begonnen. „Da gab es schon den Gedanken, später einmal in das Unternehmen einzusteigen.“
Herausforderungen durch Senatspläne
Der Senat will auf dem Gelände bauen lassen. Das Erbe des Vaters fühlt sich gut an für Karoline Leu und ihre beiden Mitstreiterinnen – doch es gibt auch Probleme. Das größte besteht gerade darin, dass der Berliner Senat auf dem Gelände der Baumschule, das diese nur gepachtet hat, viele Wohnungen bauen und damit deutlich vom ursprünglich ausgewählten Wettbewerbsentwurf für die Entwicklung des Geländes abweichen will. „Uns würde nach den im März vorgelegten Plänen nicht mehr viel Platz bleiben“, sagt Leu. Sämtliche Grünflächen rings um den historischen Innenhof würden dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Das wäre das Aus für die beliebten Frühlings- und Herbstfeste, für den Weihnachtsmarkt, aber auch für Bildungsangebote wie den Weltacker oder den Sortengarten. Auch der Forschungsgarten für klimaresistente Gehölze der Humboldt-Universität würde weichen müssen, ebenso die Obstbaumplantage.
Proteste und erste Signale
Gegen diese Pläne regt sich inzwischen berlinweit Protest. Nicht zuletzt deshalb gibt es nun erste Signale vom Senat, mit den Unternehmerinnen in Gespräche zu kommen. Die Zukunft ist dennoch ungewiss. Doch Karoline Leu bleibt gelassen. „Ich bin da ganz pragmatisch“, sagt sie. „Es kommt, wie es kommt.“ Ihre Schwester und der Vater seien viel emotionaler. „Mein Vater ist natürlich sehr verwurzelt mit dem Unternehmen.“ Aber auch Karoline Leu will dafür kämpfen, dass die Pläne zugunsten der Späth’schen Baumschulen und ihrer Grünflächen geändert werden. „Ich sehe große Chancen für unseren Standort“, sagt sie. Schließlich sei auch ihr Vater immer optimistisch geblieben. „Es gab schon viele Investoren und wechselnde Eigentümer des Geländes, jedes Mal hat sich am Ende alles zum Guten gewandt.“
Ein Rundgang durch die Anlage
Wir gehen jetzt eine historische Allee entlang Richtung Südwesten. Ahornbäume, Schnurbäume und Baumhasel säumen den Weg und spenden angenehmen Schatten. Es sind besonders gesunde und kräftige Bäume, sogenannte Mutterpflanzen, die ausschließlich zur Vermehrung dienen. Links und rechts der Allee befinden sich Wirtschaftsflächen, auf denen Bäumchen, Sträucher und Stauden wachsen, die einmal verkauft werden sollen. Vor mehreren Kübeln mit großen Palmen bleiben wir stehen. „Wir vermieten die Palmen an Veranstalter, Restaurants oder Filmsets“, sagt Karoline Leu. Würden sie nicht gebraucht, stünden die Kübel hier. „Wir haben nun die Idee, an diesem Ort einen Palmengarten einzurichten. Wir wollen Liegestühle aufstellen und Getränke anbieten.“
Am Ende der Allee biegen wir links ab und stehen plötzlich vor einem Teich. Der ist umringt von verschiedenen exotischen Gehölzen. Frösche quaken. Mit etwas Glück sind auch die beiden Wasserschildkröten zu sehen, die irgendwer hier einmal ausgesetzt hat. „Früher war das mal ein Pumpteich, jetzt ist das unser kleiner botanischer Garten“, sagt Karoline Leu. Im vergangenen Sommer sei sie oft mit ihrem Söhnchen hier gewesen, der inzwischen zweieinhalb Jahre alt ist. „Das fühlt sich an wie im Urlaub, so lauschig und fernab der Stadt.“ Auch Schulklassen, Studierende und sogar Kitagruppen würden sich hier treffen, um etwas über die Natur zu lernen.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Wegen ihres kleinen Kindes habe sie zunächst etwas länger überlegt, als es darum ging, die Nachfolge des Vaters anzutreten, sagt Leu. Bis jetzt würde das aber ganz gut klappen. „Zweimal in der Woche gehe ich etwas früher, um mein Kind von der Kita abzuholen. An den anderen Tagen arbeite ich nachmittags dafür länger.“ Ihre Bedenken, dass die Mitarbeiter sie nicht als Chefin akzeptieren würden, weil sie sie schon als Kind kannten, hätten sich ebenfalls nicht bestätigt. „Es läuft gut“, sagt sie. Auch dass der Vater nach wie vor jeden Tag auf dem Gelände sei und mit anpacke, wo es nötig ist, wäre kein Problem. Im Gegenteil. „Er hält sich zurück und vertraut auf unser Geschick.“
Bildungs- und Kulturangebote
Auf dem Weg zurück kommen wir am Weltacker vorbei, der vor allem für Schulklassen eingerichtet worden ist. „Hier zeigen wir, wie viele Quadratmeter Land für jeden Menschen auf der Welt nötig sind, damit seine lebenswichtigen Bedürfnisse befriedigt werden können“, sagt Leu. Interessant sei auch die angrenzende Fläche, auf der viele Bäumchen angepflanzt wurden – der Sortengarten, den sie zusammen mit dem Bund deutscher Baumschulen angelegt haben. 450 verschiedene Sorten Gehölze wachsen hier.
Bevor wir uns noch im Verkauf umsehen, gucken wir kurz in den Heckenschaugarten. Auf dem kleinen Areal sind Hecken aus Efeu, Buchen und Eiben ausgestellt. Mittendrin steht ein alter Bauwagen. „Unsere Späth-Bibliothek“, sagt Leu. Im Wagen stehen ein Tischchen und ein gemütlicher Sessel. In zwei Regalen liegen Bücher und Broschüren über die Späth’schen Baumschulen. Wer Lust hat, kann sich hier in die Lektüre vertiefen oder einfach nur sitzen und in den Garten schauen.
Neben dem Heckengarten haben die drei Frauen ein Freiluftmuseum eingerichtet. Unter einem großen Schuppendach ist auf Schautafeln einiges über die 300-jährige Geschichte der Späth’schen Baumschulen zu erfahren. Alte Gartengeräte vervollständigen das Bild. Während wir auf unserem Spaziergang bisher vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getroffen haben, herrscht auf dem Freigelände des Verkaufs reger Publikumsbetrieb. Hier ist alles zu finden, was das Gärtnerherz begehrt: Rosen, Stauden, Obstbäume, Ziergehölze, naturnahe Pflanzen. Und selbst wenn man nichts kaufen will, ist es schön, zwischen den großen und kleinen Töpfen umherzuwandern und Anregungen für die Gestaltung des eigenen Gartens oder Balkons einzusammeln.
Zukunftspläne
„Wir bieten auch eine kostenlose Gartenberatung an“, sagt Karoline Leu. Als Landschaftsarchitektin sei das schließlich ihre Kernkompetenz. Gemeinsam mit den Gartenbesitzern würde sie Ideen entwickeln und diese dann zeichnerisch umsetzen. Karoline Leu kann sich gut vorstellen, die Abteilung Gartenplanung und Gartengestaltung perspektivisch auszubauen und damit an eine berühmte Tradition der Späth’schen Baumschulen anzuknüpfen. „Späth hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall in der Stadt mit der Gestaltung von Parks und Gärten Spuren hinterlassen. Heute sind unser Wissen und unser Können wieder gefragt, wenn es darum geht, Flächen in Traumgärten zu verwandeln“, sagt sie.
Am Ende unseres Rundgangs setzen wir uns noch einmal auf den Dorfplatz. Inzwischen ist es Mittag geworden, viele Tische sind besetzt. In großen Kübeln eingepflanzt, säumen die unterschiedlichsten Pfingstrosen den Platz. „Im Frühling haben wir hier eine Tulpenschau, nach den Pfingstrosen kommen Ende August die Dahlien“, sagt Leu. Diese Blumenschauen seien bei den Besuchern sehr beliebt.
Teamwork in der Geschäftsführung
Ist es manchmal schwierig, wenn sich drei Frauen die Geschäftsführung eines Unternehmens teilen? Karoline Leu schüttelt den Kopf. „Wir treffen uns einmal in der Woche und besprechen alles, was nötig ist. Außerdem sind wir jeweils für sehr unterschiedliche Bereiche zuständig.“ Ihre Schwester sei für die Veranstaltungen und die Werbung verantwortlich, Susanne Schmohl für den Großhandel und die Produktion. Sie selbst sei für die Gartenplanung und den Einzelhandel zuständig. „Auf diese Weise haben wir es besser, als unser Vater es hatte, der alles allein machen musste.“
Erst jetzt könne sie so richtig einschätzen, was der Vater geleistet habe, sagt Karoline Leu und zeigt mir noch kurz ihr Büro, in dem bis vor Kurzem noch der Vater saß. Es befindet sich im denkmalgeschützten Wirtschaftshaus der Anlage. Mehrere Arbeitsräume sind hier durch gläserne Wände voneinander getrennt. Man kann sich gut vorstellen, wie früher hier die Gartenplaner saßen und ihre Ideen zu Papier brachten.
Doch zurück in die Gegenwart. Die drei Geschäftsführerinnen der Späth’schen Baumschulen haben ebenfalls jede Menge Ideen und eine große Vision. Was vor 300 Jahren seinen Anfang nahm, wollen sie weiterentwickeln. „Das hier ist eine grüne Oase, ein Bildungsstandort, ein Standort für Kultur und ein Verkaufsort“, sagt Karoline Leu. „Das hier hat riesiges Potenzial.“



