80 Jahre Vertreibung: Bad Wörishofen erinnert an Sudetendeutsche
80 Jahre Vertreibung: Bad Wörishofen erinnert

Vor 80 Jahren begann die systematische Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. In Bad Wörishofen wird an dieses dunkle Kapitel mit einer Gedenkveranstaltung erinnert. Die Kurstadt war nach 1945 für tausende Heimatvertriebene zu einer neuen Heimat geworden.

Ein dunkles Kapitel der Nachkriegszeit

Zwischen 1945 und 1946 wurden rund drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei enteignet, interniert und über die Grenze getrieben. Grundlage waren die sogenannten Beneš-Dekrete, die von der tschechoslowakischen Exilregierung erlassen worden waren. Viele Vertriebene hatten Angehörige durch Gewalt und Entbehrung verloren; wer die Vertreibung überlebte, musste oft in Lagern ausharren und wurde nach Westen transportiert.

Die Opferzahlen sind bis heute umstritten, Historiker gehen von mehreren zehntausend Toten aus. Die Vertreibung war eine Reaktion auf die nationalsozialistischen Verbrechen und die deutsche Besatzung der Tschechoslowakei. Dennoch traf sie auch Menschen, die sich keiner Schuld schuldig gemacht hatten – darunter Frauen, Kinder und alte Menschen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Neue Heimat im Allgäu

Eine der zentralen Anlaufstellen für Vertriebene in Bayern war Schwaben. Nach Kriegsende kamen zahlreiche Flüchtlingszüge auch im Unterallgäu an. In Bad Wörishofen fanden viele Sudetendeutsche Unterkunft in Notquartieren, später in neu gebauten Wohnsiedlungen. Nach Aufzeichnungen des Stadtarchivs wurden allein in den ersten Nachkriegsjahren über 1.200 Vertriebene registriert.

Die Neubürger brachten handwerkliche Fähigkeiten und kulturelle Traditionen mit. Sie halfen mit, den Kurbetrieb wieder aufzubauen, der für Bad Wörishofen bis heute zentral ist. Manche gründeten eigene Geschäfte oder arbeiteten in den neu entstehenden Kliniken. Die Integration gelang nicht immer reibungslos – dennoch prägten die Vertriebenen das Leben der Stadt innerhalb weniger Jahrzehnte entscheidend mit.

Erinnerungskultur in Bad Wörishofen

An die Vertreibung erinnert in Bad Wörishofen ein Gedenkstein am Stadtpark, der von der Sudetendeutschen Landsmannschaft gepflegt wird. Auch eine Straße trägt den Namen „Sudetenstraße“. Zudem gibt es im Heimatmuseum eine Abteilung zur Geschichte der Heimatvertriebenen im Landkreis.

Zum 80. Jahrestag der Vertreibung veranstaltet die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und der Sudetendeutschen Landsmannschaft eine öffentliche Gedenkstunde. Geplant sind Zeitzeugengespräche, ein Vortrag des Historikers Dr. Martin Schönwald sowie ein ökumenischer Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Ulrich. Die Veranstaltung findet am 8. November ab 17 Uhr im Kursaal statt; der Eintritt ist frei.

„Erinnerung ist kein Selbstzweck“, betont die Organisatorin und Leiterin des Kulturamts, Sabine Hartmann. „Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen und wachsam zu sein gegenüber allen Formen von Nationalismus und Ausgrenzung.“

Blick in die Gegenwart

Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung ist in der heutigen Zeit wieder hochaktuell. Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Die Stadt Bad Wörishofen setzt sich deshalb auch für die Integration von Geflüchteten ein.

Der Oberbürgermeister von Bad Wörishofen, Stefan Schiller, würdigt die Vertriebenen als wichtigen Teil der Stadtgesellschaft. „Die Sudetendeutschen und alle Heimatvertriebenen haben Bad Wörishofen mit aufgebaut“, sagte er in einem Grußwort. „Ihre Geschichte erinnert uns daran, was Vertreibung und Heimatverlust bedeuten – unabhängig von der jeweiligen politischen Situation.“

Versöhnung mit Tschechien

Seit den 1990er Jahren pflegen die Stadt Bad Wörishofen und ihre Partnerstadt einen Austausch mit Tschechien. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft unterstützt Jugendbegegnungsprojekte und gemeinsame Kulturveranstaltungen. Ziel ist es, über die Grenzen hinweg Brücken zu bauen und Vorurteile abzubauen.

Die Gedenkveranstaltung endet mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal im Stadtpark. Dabei werden auch die Namen von Opfern verlesen. Anschließend sind alle Besucher zu einem Gespräch bei Brot und Wein eingeladen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Lehren für die Zukunft

Das Schicksal der Vertriebenen mahnt zur Wachsamkeit gegenüber Ethnozentrismus und Geschichtsrevisionismus. Der Historiker Dr. Martin Schönwald, der den Vortrag hält, verweist auf die Bedeutung der Versöhnung: „Die deutsch-tschechische Aussöhnung zeigt, dass auch tiefe Wunden heilen können, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.“

In Bad Wörishofen ist die Erinnerungsarbeit fest verankert. Sie wird von vielen ehrenamtlichen Helfern getragen und von der Bevölkerung aktiv unterstützt. Die Gedenkstunde zum 80. Jahrestag der Vertreibung ist ein sichtbares Zeichen, dass die Stadt ihre Verantwortung für die Geschichte ernst nimmt.