Drei Tage nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin zeigt sich ein klares Bild: Ein junger Mann mit libanesischen Wurzeln, bereits vorbestraft und radikalisiert, mietete einen Kleintransporter und nutzte eine Sicherheitslücke. Die Behörden hatten ihn im Blick, aber nicht ausreichend überwacht. Der Attentäter tötete eine 65-jährige Frau aus Warschau, die mit ihrer Tochter die Parade besuchte. Ein zunächst verdächtigter Beifahrer wurde freigelassen, da keine DNA-Spuren im Tatfahrzeug gefunden wurden.
Die richtige Antwort auf das Unfassbare
Chefredakteur Peter Schink betont in seinem Kommentar, dass es nach solchen Taten schwerfalle, die richtigen Worte zu finden. Er plädiert klar für Empathie statt Ausgrenzung. „Nur ein empathischer Umgang miteinander kann jetzt das Gebot der Stunde sein“, schreibt er. Die Debatte über Konsequenzen dürfe nicht zu einem Feigenblatt verkommen.
Fehlersuche und politische Reflexe
Es gebe viele offene Fragen zur Tat, zur Haftstrafe mit sogenannter Vorbewährung, zum Umgang mit Gefährdern und zum Jugendstrafrecht. Die unmittelbare Fehlersuche folge politischen Reflexen. Schink stellt klar: „Egal welche Konsequenzen wir ziehen, sie werden solche Anschläge nicht gänzlich verhindern. Wir können allenfalls die Wahrscheinlichkeit minimieren.“ Extremisten würden immer wieder Schlupflöcher finden – im Rechtssystem oder an ungeschützten Orten.
Zusammenhalt als wichtigste Aufgabe
Neben einer funktionierenden Strafverfolgung müsse die Gesellschaft den Zusammenhalt stärken. „Das ist die viel größere, wichtigere und schwierigere Aufgabe“, so Schink. Sie fordere die Menschen täglich an Schulen, in Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen. Viele, die hier unermüdlich arbeiteten, blieben öffentlich unsichtbar.
Berlin steht zusammen
Nach diesem Wochenende stehe Berlin zusammen als Stadt der Freiheit. Schink zeigt sich optimistisch: „Wir werden offene Fragen klären, besonnene Antworten in der Strafverfolgung finden und zugleich einen empathischen Umgang miteinander pflegen.“ Vor allem gelte es, den Opfern, ihren Angehörigen und den vielen Mittelbar beteiligten beizustehen – auch jenen, die den CSD miterlebt haben. „Nur wenn wir gestärkt aus diesem schrecklichen Ereignis hervorgehen, haben die Extremisten nicht gewonnen.“
Neue Erkenntnisse am Montag
Der mutmaßliche Beifahrer wurde entlastet: Im Tatfahrzeug fanden sich keine DNS-Spuren, der verdächtigte Iraner ist wieder auf freiem Fuß. Die getötete Frau stammt aus Warschau und besuchte mit ihrer Tochter Berlin. Abdul Ballout, der am Sonntag in einer Spandauer Gartenkolonie erschossen wurde, stand offenbar nicht im Fokus der Behörden. Der Leiter des Deradikalisierungsprogramms erklärte: „Es gab kein Bedrohungssignal.“ Politiker wie Justizsenatorin Felor Badenberg haben sich zu Konsequenzen geäußert. Der Vater des Attentäters meldete sich auf einer Reise zu Wort.



