Ex-ARD-Korrespondentin Annette Dittert hat mit „Dear Britain“ ein Buch vorgelegt, das die britische Gesellschaft tiefgründig analysiert. Nach fast zwei Jahrzehnten als Korrespondentin in London zieht sie ein Resümee und zeigt, wie Traditionen in Großbritannien Macht sichern und Protest verhindern.
Dittert beschreibt die britische Höflichkeit als ernst gemeintes soziales Prinzip, das Konflikte an der Oberfläche vermeidet, aber auch Druck zur Uniformität erzeugt. Das Klassensystem sei keine historische Reminiszenz, sondern gegenwärtige Realität: Die Hälfte Englands gehört nur einem Prozent der Bevölkerung. Anhand von Einzelschicksalen, wie einer schwarzen Gärtnerin in einer traditionell weißen Domäne, macht sie die Ungleichheit greifbar.
Traditionen wie der Savile Club, ein Herrenclub, der seit 150 Jahren nur Männer aufnimmt, seien Ausdruck handfester Machtinteressen. Dittert begleitete die Brexit-Jahre journalistisch und stellt fest: Die Hoffnungen einkommensschwacher Gruppen haben sich nicht erfüllt, ihre Lage hat sich verschlechtert. Dennoch gehen Briten selten auf die Straße – weil sie gelernt haben, dass Protest die Machtverhältnisse nie wirklich ändern konnte.
Weitere Beispiele sind die Privatisierung der Wasserversorgung, die zu verschmutzten Badestränden führte, ohne nennenswerten öffentlichen Protest. Auch die britische Krone gewährt keinerlei Einblick in ihre Finanzen. Ditterts Buch ist kein unkritischer Liebesbrief, sondern eine Einladung, tiefer zu schauen und die Komplexität des Landes zu verstehen.



