Erzbischof Georg Gänswein feiert am 30. Juli 2026 seinen 70. Geburtstag. Im Gespräch mit BILD blickt der langjährige Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. auf ein Leben zwischen Schwarzwald, Vatikan und Baltikum zurück. „Noch macht mir die 70 keine Angst“, sagt er und gibt seltene Einblicke in seine Gefühlswelt.
Zwei Jahrzehnte an der Seite Benedikts XVI.
Gänswein diente Benedikt XVI. über 20 Jahre hinweg. Er war sein engster Vertrauter, organisierte Termine, Reisen und den Alltag des Papstes. Diese Nähe zur Macht prägte ihn tief. „Man lernt, mit Verantwortung umzugehen, aber auch, dass Macht vergänglich ist“, reflektiert er. Nach dem Rücktritt Benedikts 2013 blieb Gänswein an seiner Seite, doch der Einfluss schwand.
Schmerz unter Franziskus – und eine späte Fügung
Die Jahre unter Papst Franziskus seien schmerzhaft gewesen, räumt Gänswein ein. „Es war eine Zeit der Enttäuschung und des Verlusts von Einfluss.“ 2023 wurde er zum Apostolischen Nuntius in Litauen, Estland und Lettland ernannt – eine Versetzung, die er zunächst als Degradierung empfand. Heute sieht er sie als Fügung: „Vilnius hat mir eine späte Freiheit geschenkt. Ich bin näher an den Menschen, weg vom intriganten Vatikan.“
Bereuen und falsche Freunde
Gänswein spricht offen über Fehler, die er bereut: „Vielleicht hätte ich manchmal klarer Stellung beziehen sollen.“ Besonders verletzt habe ihn der Verrat falscher Freunde: „Wenn Menschen, denen ich vertraute, mich fallen ließen, schmerzt das bis heute.“
Auch zu politischen Themen äußert er sich: Über Donald Trump sagt er: „Sein Stil ist nicht meiner, aber manche seiner Positionen zu Lebensschutz und Religionsfreiheit finde ich beachtenswert.“ Zu Friedrich Merz meint er: „Er ist ein kluger Kopf, aber die Kirche sollte sich nicht zu sehr an politische Figuren binden.“
Ein Leben für die Kirche
Geboren 1956 im Schwarzwald, wurde Gänswein 1984 zum Priester geweiht. Er lehrte Kirchenrecht an der Universität Freiburg, bevor er 2003 in den Vatikan berufen wurde. Seine Karriere verlief steil: 2012 ernannte ihn Benedikt XVI. zum Erzbischof. Nach dem Tod Benedikts 2022 verlor er seinen letzten Schutzpatron. Heute lebt er in Vilnius, pendelt zwischen den baltischen Staaten und genießt die Ruhe.
Mit 70 will er noch nicht aufhören: „Ich habe weiter viel Energie. Die Kirche braucht Menschen, die Brücken bauen, nicht nur in Rom, sondern auch in der Peripherie.“ Sein Geburtstagswunsch: „Gesundheit und die Kraft, weiterzudienen – und dass die Menschen wieder mehr aufeinander zugehen.“



