Tugay Saraç war mit seinem Mann und seiner Schwester auf dem Christopher Street Day in Berlin, als die Veranstaltung wegen eines Anschlags abgebrochen wurde. Der frühere Salafist, der heute als queerer Muslim Workshops an Schulen gibt, sieht in der Plattform TikTok einen gefährlichen Radikalisierungsmotor. „TikTok ist heute ein Radikalisierungsmotor“, sagte Saraç dem Tagesspiegel. Er betonte, dass religiöser Fanatismus in der Gesellschaft oft nicht ernst genommen werde.
Erfahrung auf dem CSD
Saraç schilderte, wie er den Anschlag erlebte: „Wir saßen im Mitgliederbereich des CSD-Vereins in der Nähe vom Brandenburger Tor, als die Veranstaltung abgebrochen wurde und wir evakuiert werden mussten. Irgendwann kam dann die Meldung, dass jemand in eine Menschenmenge gerast sei. Das war furchtbar.“ Er dachte sofort an die Workshops, die er an Berliner Schulen zum Thema Queerness und Islam gibt. „Nach den Sommerferien wird es viel aufzuarbeiten geben mit den Jugendlichen“, sagte Saraç.
Radikalisierung auf TikTok
Saraç war selbst als Jugendlicher Islamist. Heute klärt er über die Gefahren religiöser Radikalisierung auf und verbindet seine Erfahrungen mit seiner Identität als schwuler Muslim. Er kritisiert, dass Plattformen wie TikTok junge Menschen gezielt mit extremistischen Inhalten versorgen. „Die Algorithmen spielen eine gefährliche Rolle“, so Saraç. Er fordert mehr Aufmerksamkeit für das Problem und bessere Präventionsarbeit in Schulen.
Bedeutung für die Gesellschaft
Der Anschlag auf den CSD zeigt nach Ansicht von Saraç, wie tief Hass und Intoleranz in Teilen der Gesellschaft verwurzelt sind. „Religiöser Fanatismus wird nicht ernst genommen“, erklärte er. Er appelliert an Politik und Bildungseinrichtungen, die Themen Queerness und Islam nicht länger zu tabuisieren. „Wir müssen offen über Widersprüche und Herausforderungen sprechen, um Jugendliche zu erreichen“, sagte Saraç.
Die Workshops, die Saraç an Berliner Schulen durchführt, stoßen auf großes Interesse. Er berichtet von intensiven Diskussionen mit Schülern, die oft selbst mit religiösen oder sexuellen Identitätsfragen kämpfen. „Viele Jugendliche sind verunsichert und suchen nach Orientierung“, so Saraç. Seine eigene Geschichte – vom Salafisten zum queer-aufklärerischen Aktivisten – mache ihn glaubwürdig.
Der frühere Islamist warnt davor, die Gefahr von TikTok zu unterschätzen. Die Plattform sei nicht nur ein Ort der Unterhaltung, sondern werde zunehmend für Propaganda genutzt. „Wir brauchen mehr Medienkompetenz und konkrete Maßnahmen gegen Hass im Netz“, forderte Saraç. Er hofft, dass der Anschlag auf den CSD ein Weckruf für die Gesellschaft ist.



